»Christian, wir wollen Abbitte leisten«

Die Sendung »Maybritt Illner« vom 12. Januar 2012

Politiker sind unglaubwürdig und Fußballer haben nichts in der Birne. So lauten zwei der bekanntesten Vorurteile in unserem Land. Die Medien-Affäre um Bundespräsident Christian Wulff konzentriert sich inzwischen fast ausschliesslich auf den ersten Punkt: den “Schaden”, welchen Bundespräsident Wulff anrichtet, wenn er weiter “an seinem Amt klebt” (Plasberg). Abgesehen davon, dass es nachdenklich stimmen sollte, wenn sich ein Politiker wie Christian Wulff ein nie dagewesenes Trommelfeuer der veröffentlichten Meinung auch nach vier Wochen noch zumutet, anstatt den einfachen Weg zu gehen und bei vollen Bezügen und mit lebenslangem Büro und Fahrer zu demissieren und das Leben zu genießen, lohnt es, sich einmal der Frage zuzuwenden, die offensichtlich viele Journalisten in diesen Tagen umtreibt: welche Anforderungen muss ein Bundespräsident erfüllen? Und welche Fehler darf er sich erlauben? Erst danach lässt sich absehen, wie die Haltung von Bundespräsident Wulff zu bewerten sein wird. Und erst dann kann das Land die Frage beantworten, ob der bisher jüngste Bundespräsident in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich das Format für diese höchste Amt nicht hatte und besser Landrat von Osnabrück geworden wäre, als Nachfolger von Theodor Heuss, Richard von Weizsäcker oder Johannes Rau.
Josef Joffe, Herausgeber der ZEIT, die das letzte große Interview mit dem
Bundespräsidenten geführt hat, bevor die aktuelle Krise eintrat, stellt hierzu fest: Wulff ist wie wir. Er hat es darüber hinaus gewagt, das konservative Weltbild durch Bekenntnisse zur kulturellen und religiösen Vielfalt in Deutschland ins Wanken zu bringen. Anders formuliert: Wulff hatte begonnen, Spuren auf Wegen zu hinterlassen, die seine Amtsvorgänger nicht gegangen waren.
Was sonst ist Christian Wulff vorzuwerfen? Salamitaktik, also ein taktisches Verhalten zur Wahrheit, das immer nur zugibt, was nicht mehr zu dementieren ist? Ungeschicklichkeit im Umgang mit den Medien? Verschleierung und Verdunkelung? Vorteilsnahme im Amt? Die ZDF-Sendung Maybritt Illner hat zu dieser Liste potentieller Verfehlungen am Donnerstag noch eine neue Dimension hinzugefugt: es könne sogar “Korruption und Geldwäsche” sein, meinte der schillernde “Kommunikationsberater” Klaus Kocks

Viele Kritiker vertreten inzwischen offiziell eine staatstragende Haltung wie sie Heiner Bremer, Hamburger Medienprofi, in derselben Sendung Maybritt Illner vortrug: Kampagne? Wie abwegig. Wenn der Bundespräsident sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe “alles auf den Tisch gelegt hätte, wäre die Welle ganz schnell verebbt.” Es ist ein bemerkenswerter Ausdruck von Professionalität, dass die Gastgeberin Maybritt Illner nicht zu erwähnen vergaß, dass Herr Bremer nicht nur “Fernsehjournalist” ist, sondern auch eine Vergangenheit als Sprecher des Axel-Springer-Verlages habe. Ähnliche Neutralität hätte man sich auch von anderen prominenten Moderatoren gewünscht.
Bremer und seine Kollegen versuchen mit ihrer Haltung des “wir tun doch nur unsere Arbeit” aus einem Dilemma herauszukommen: die Bevölkerung spürt bei allem Unbehagen über die verlorene Glaubwürdigkeit des Bundespräsidenten und die unglücklichen Verteidigungsversuche, dass es den Medien eben nicht um eine objektive und der Problemlage Deutschlands angemessene Berichterstattung geht. Sonst hätten sie sich viel früher und viel kritischer mit den Ungereimtheitend im journalistischen Handwerk befasst, wie sie es erst in den letzten Tagen und noch immer sehr zögerlich tun.
Insofern war es ein Glücksfall für den Bundespräsidenten, dass der ehemalige CDU-Generalsekretär Peter Hintze im Fernsehen die Relationen zurecht rückte: kein Rechtsbruch (was nicht einmal Thomas Oppermann bestritt), keine Unwahrheiten in bezug auf die Bankfinanzierung aber eine extrem kritische Beleuchtung der Fragestellungen, die teilweise denunziatorischen Charakter besaßen und intimste Bereiche des Privatlebens betrafen. “Ich kann ihm nicht dazu raten, dies ins Internet zu stellen,” so Hintze, der auch darauf hinwies, dass die versprochene “Transparenz” und die Erläuterung der mehr als 400 Fragen im Interview zeitlich weit auseinander lagen und eben keine Ankündigung beinhalteten, alles zu veröffentlichen. Dass sich Ex-Springer-Mann Bremer dennoch hinreißen ließ, Wulff zu unterstellen, er habe selbst versprochen, diese 400 Fragen zu veröffentlichen (obwohl Bettina Schausten die Darstellung von Peter Hintze bestätigte), spricht für sich. Sowohl Bremer als auch Spiegel-Mann von Hammerstein hätten hier nachlesen können – und mit etwas professionellem Ehrgefühl auch müssen:

“Also bei 400 Fragen – und wenn gefragt wird, was es zu essen gab bei Ihrer ersten Hochzeit und wer Ihre zweite bezahlt hat und ob Sie den Unterhalt für Ihre Mutter gezahlt haben – und ich könnte jetzt tausend Sachen mehr nennen – und wer die Kleider für Ihre Frau bezahlt hat, welche geliehen waren, welche sozusagen als geldwerter Vorteil versteuert werden -, dann kann ich nur sagen: Ich geb Ihnen gern auf die 400 Fragen 400 Antworten. Da ist jetzt etwas, was einen dann innerlich auch nach solchen drei Wochen irgendwo freimacht, dass man sagt: Also jetzt ist wirklich alles von innen nach oben und umgekehrt gewendet.”

Angesichts der vielen Ungereimtheiten und handwerklichen Unsauberkeiten der investigativen Aufklärer, kann kein wirklicher Zweifel daran bestehen, dass es sich um eine abgestimmte Hetzjagd eines Medienkartells handelt gegen den Bundespräsidenten, der sich geweigert hatte, in seinem neuen Amt – mit anderen Aufgaben und anderen Pflichten als im Amt des Ministerpräsidenten – die selben Zugeständnisse zu machen. Es war sicher nicht klug, zuvor solche Zugeständnisse gemacht zu haben. Ist es aber deswegen auch ein Fehler, eine solche Praxis als Bundespräsident zu beenden. Spricht es nicht auch für Anmaßung der betreffenden Redaktionen, wenn sie deswegen erwarten, der gewählte Bundespräsident müsse sich ebenso verhalten wie als Landespolitiker?
Insoweit bleibt es einstweilen offen, wer für welches Amt zu groß und wer zu klein ist.
Vielleicht entspringt die Annahme, der zweifellos um sein Ansehen kämpfende Bundespräsident sei dem Amt nicht gewachsen, vielleicht einem ebenso großem Vorurteil, wie die vermeintliche intellektuelle Beschränkteit von Fußballern. Bemerkenswert sind jedenfalls diese Sätze:

“Früher war es mir extrem wichtig, was andere von mir dachten. Ich wollte einfach ein gutes Image haben. Und was meinen Sie, wie das ist, wenn zum ersten Mal eine richtig negative Geschichte über Sie in der Zeitung steht? Wenn Sie sich ausmalen, dass das jetzt Millionen Menschen gelesen haben und die das natürlich erst einmal glauben? Du betrittst einen Raum und erwartest, dass die Menschen dir eigentlich positiv gegenüberstehen – stattdessen spürst du sofort eine negative Energie. Das kostet enorm viel Kraft. Deswegen verfolge ich die Berichterstattung über Christian Wulff gerade auch sehr intensiv.
(…)
Ich finde es einfach menschlich, dass der Bundespräsident diese negative Berichterstattung über sich verhindern wollte. Aber ich weiß inzwischen, dass es nichts bringt. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. So etwas kannst du nicht verhindern, du kannst nur lernen, damit umzugehen. Und das kann ich inzwischen.”

Gesagt hat sie Fußballprofi Christian Lell von Hertha BSC in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Die Journalisten begannen ihr Gespräch übrigens mit den Worten: “Wir wollen Abbitte leisten.” Sie entschuldigten sich damit offensiv für eine frühere und offensichtlich vorschnelle Beurteilung der Person Christian Lell.
Mal abwarten, was Christian Wulff noch zu hören bekommt.

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