13. August 2009 – Warum ist in Berlin nicht mehr (Teilungs-) Geschichte sichtbar?

Im diesem Jubiläumsjahr, in dem wir uns an die Friedliche Revolution vor zwanzig Jahre erinnern, wird schmerzlich spürbar, dass im Zentrum Berlins die frühere Teilung der Stadt und Deutschlands kaum mehr sichtbar ist. Anfang der neunziger Jahre wurde durch eine Reihe von Fehlentwicklungen und mangelnder Voraussicht der Handelnden verpasst, einen “echten” Mauerabschnitt und einen “authentischen” Grenzübergang zu erhalten. Sicher kann und muss man verstehen, dass die Berliner das Kapitel der Zerschneidung der Stadt hinter sich lassen wollten. Dass jedoch die zentrale Gedenkstätte für die Opfer von Mauer und Stacheldraht an der Peripherie Mittes in der Bernauer Straße entstanden ist, lässt sich kaum einem Berlin-Besucher schlüssig erklären. 

Reiner Zufall war es, dass das letzte größere zusammenhängende Mauerstück zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke – die “East-Side-Gallery” – erhalten geblieben ist. Es ist allerdings nur ein Teil der sogenannten “Innen-Mauer”, also der zum ehemaligen Ostteil gerichteten Mauer, die erst nach der Friedlichen Revolution im Frühjahr 1990 von Künstlern bemalt wurde, vorher hätte dies auf direktem Wege für mehrere Jahre in ein DDR-Gefängnis geführt.  ”Authentisch” kann also dieser Abschnitt kaum die tödliche Wirklichkeit der Grenzanlagen erfahrbar machen, die aus zwei hohen Mauern und einem von Wachtürmen ständig beobachteten  Todesstreifen dazwischen bestand, den jeder Flüchtige überwinden musste. Rund 1.000 Menschen schafften es nicht über die Grenzanlagen in Berlin und an der Zonengrenze. Sie füllen eine bis heute nicht genau verifizierte Todesliste.   

Geht man der Frage nach, warum an die Teilung nur ein unauffälliges Pflasterband erinnert – immerhin zeigt es zumindest den genauen Grenzverlauf – und ein paar wenige Fragmente erhalten geblieben sind, dann muss man die Verantwortung auf zwei Ebenen suchen: beim Bund und beim Land Berlin. Wenig bekannt ist heute noch im Jahr 20 nach dem Mauerfall, dass alle Grenzanlagen und Grundstücke im Grenzstreifen nach Einigungsvertrag zwischen Bundesrepublik und DDR vermögensrechtlich dem Bund zufielen. Die verwegene Argumentation: alle vor 1989 nach DDR-Verteidigungsgesetz enteigneten Flächen sollten nicht restitutionsfähig sein und ins Eigentum der Bundesrepublik Deutschland übergehen, da ja auch nach bundesdeutschem Recht beispielsweise für Truppenübungsplätze Enteignungen zulässig seien. Diese Übernahme der Unrechtsbegründung eines Unrechtsstaates soll hier nicht weiter vertieft werden …

Durch diese Rechtslage wurden auch teilweise landeseigene Grundstücke Berlins nicht an die Stadt rückübertragen beziehungsweise wurde der Berliner Senat gezwungen, diese in juristischen Auseinandersetzungen mit dem Bund zu erstreiten. Fern von Berlin, noch in Bonn, entschied man sich für die möglichst schnelle Verwertung der Flächen und den Verkauf an private Investoren.

Binnen weniger Jahre bis zur ersten Immobilienkrise Mitte der neunziger Jahre wurden die besten Grundstücke verkauft und zum Großteil bebaut. Genauer formuliert, zur Bebauung vorbereitet, denn an einigen Stellen wurde nach der Beräumung der letzten historischen Reste der Mauer kein Spaten in die Erde gestochen. Heraustechendstes Beispiel bleibt bis heute die große Brache am früheren Checkpoint Charlie, wo eine Investorengruppe gerade noch den Wachturm des Grenzübergangs und die Mauerreste abreißen konnte, die in der Übergangszeit vom Mauer-Museum Rainer Hildebrandts als Außenfläche betreut wurde. Die Gegenwehr der privaten Museumsbetreiber hatte nichts mehr retten können. Spätestens an dieser Stelle muss man die Berliner Stadtpolitik kritisieren, die über ihre Denkmalschutzbehörde jederzeit die Möglichkeit hätte nutzen können, Orte wie den ehemaligen Diplomatenübergang unter Schutz zu stellen, an dem sich am Höhepunkt des Kalten Krieges ein sowjetischer und ein amerikanischer Panzer gegenüberstanden.

Immerhin schreitet 20 Jahre nach dem Mauerfall zumindest die Vorbereitung für das lange diskutierte Freiheits- und Einheitsdenkmal soweit voran, dass es zum 25. Jahrestag bestimmt errichtet sein wird … Es soll im Zentrum der Stadt errichtet werden, an einer Stelle frei von sonstigen Verwertungsinteressen. Auch nicht ohne Symbolik ist dabei, dass hier früher einmal ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal stand, das in den fünfiziger Jahren SED-Chef Walter Ulbricht schleifen ließ.

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1 Kommentar

  1. Tja, als Ergebnis einer schädlichen Melange aus mangelnder Weitsichtigkeit, böswilliger Absicht, unverantwortlichem Desinteresse uvm gibt es nun bis auf Hohenschönhausen so gut wie keine authentische Stellee des “DDR”-Schreckens mehr, die den Schrecken erfahrbar machen könnten.
    Was Baujahr 1975 und später ist, dürfte letztlich auch mangels entsprechender Prioritätensetzung beispielsweise in Lehrplänen oder öffentlich-rechtlichem Rundfunk kaum nachvollziehen können, wie die Dimension der Mauer und der innerdeutschen Grenzanlagen war mit Wachtürmen, Selbstschußanlagen, Minenfeldern usw usf.
    Viele halten es inzwischen vor lauter Ostalgie für Ammenmärchen, wie sehr man schon als Transitreisender zwischen dem Westen und Berlin eingeschüchtert (die Grenzer hatten besondere Freude dran, die kompletten Innenaustattung von Fahrzeugen auszubauen und anderweitig zu schikanieren) und zur Devisengewinnung für die “DDR” ausgenommen wurde. Selbst das Mitführen von Kinder-Comic-Heften war offenbar eine besonders gefährliche Bedrohung für den Bestand der “DDR”, so daß derart schädliches Zeug natürlich sofort konfisziert wurde. Es wurde die Zeit für die Transit-Durchfahrt gestoppt, um sicherzustellen, daß man nicht vom Weg abgekommen war (was angesichts der allgegenwärtigen Präsenz der Volkspolizei in Uniforn oder Zivil entlang der Strecke kaum möglich war). Wer länger brauchte als normal, durfte sich darauf gefaßt machen, am Ende der Strecke besonders gründlich untersucht zu werden. Man hatte sicher nicht ganz zu Unrecht insbesondere auch angesichts der monströsen Grenzanlagen ein sehr mulmiges Gefühl bei solchen Fahrten und konnte nur erahnen, wie man sich als Bürger innerhalb der “DDR” fühlen mußte.
    Aber all das ist verschwunden. Statt beispielsweise die Grenzanlagen als ständige Mahnung (Stachel im Fleisch) stehenzulassen, kann man das Ausmaß selbiger kaum noch grob erahnen. Was das für die Bewertung von 40 Jahren totalitären Ost-Regimes bedeutet, ist klar. Es lebe die Ostalgie.

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