Ach, Herr Sarrazin.

Mal wieder ist Deutschland in einer nahezu aufgebrachten Stimmung. Aber nicht, weil Obama unser Land erneut besucht, auch nicht weil die quirlige Lena einen neuen spektakulären Sieg verbucht hat. Nein. Dieses Mal ist es der ungeliebte „Tabubrecher“ Thilo Sarrazin. Kaum ein anderer schafft es zurzeit die Nation so zu spalten, wie er. Noch nicht ein Mal die Debatte um die Laufzeitverlängerung der AKWs. Die Welt steht still, wenn Herr Sarrazin spricht. Doch keiner hört ihm richtig zu. Zumindest keiner in der Politik. Da ist von Rauswurf die Rede, von Populismus und Provokation. Sogar als Rassist wird er beschimpft. Und es zeigt sich, dass die deutsche Nation, wie so oft, von der Maschinerie der Meinungsmacher überrollt worden ist, noch bevor sich diese eine eigene sachliche Meinung bilden konnte, geschweige denn Zeit hatte das berühmte Buch, von dem die Welt heute spricht, zu lesen. Herr Sarrazin ist in der SPD nicht mehr erwünscht, er soll sein Parteibuch zurückgeben. Aber er hat jetzt auch ein viel besseres. Eines, das sich rentiert.

Niemand mag das Buch und noch viel wichtiger, niemand mag Herr Sarrazin, der seine Gedanken auf 464 Seiten festgehalten hat. Frau Merkel mag ihn nicht, Frau Roth mag ihn nicht, Herr Westerwelle mag ihn auch nicht und viele andere prominente Politiker mögen ihn genauso wenig. Schade ist nur, dass sich keiner konstruktiv äußert, sondern lieber mit dem Finger auf ihn zeigt.

Und genauso schein die Politik heute zu funktionieren:  Sobald man sich öffentlich an eine Diskussion wagt und Thesen präsentiert, die die nackte, ungeschönte Wahrheit offenbaren, wird man als „Schande für die (…) gesamte Republik“ bezeichnet. Herr Westerwelle sollte es doch am besten wissen. Auch er wurde für seine „spätrömische Dekadenz“ an den politischen Pranger gestellt. Und das obwohl er im Grunde eine Wahrheit aussprach, die eine Vielzahl der Bürger mit ihm teilte. Doch, Herr Westerwelle zog sich mit seiner provokativen Äußerung zurück. Die hitzige Debatte wehrte nicht lange. Nichts hört man mehr, von dem Mann, der einst „Mehr Netto vom Brutto“ propagierte. Und so wird es unschwer erkennbar, dass nur die Politik des Honig-ums-Maul-Schmierens und des oppositionellen Gebrülls erwünscht ist.

Politik würde in Deutschland viel besser funktionieren, wenn man einander erst zuhörte. Stattdessen sucht man sich einen Sündenbock, mobilisiert die Medien und konterkariert eine  Debatte, die über die Zukunft unseres Landes entscheiden sollte. Dies ist keine Form guter, differenzierter und sachlicher Politik. Die Politik muss täglich Entscheidungen treffen, die über unser aller Leben bestimmen. Da ist es vergeudete Zeit, wenn man sich einen ganzen Tag vornimmt, um politische Hetze gegen einen Mann statt politischer Diskussion zu betreiben.

2 comments

  1. Insgesamt fallen mir drei Aspekte spontan bei der Diskussion ein: Erstens ist der pawlowsche Reflex vieler “Einpeitscher” einmal mehr bezeichnend, der nur einen Hintergrund zu haben scheint – die Mediengeilheit der politisch Korrekten. Zweitens verspricht das verfassungsrechtliche “Bermuder”-Dreieck spannend zu werden: der Fall berührt derzeit schon zwei Verfassungsorgane, nämlich die Bundesregierung und den Bundespräsidenten; das Bundesverfassungsgericht dürfte auch noch ins Spiel kommen! Drittens schließlich springen genau jene morlinsauren Sozialromantiker (Ralf Giordano) an, die mit ihrer Mulit-Kulti-Ideologie jene Tatsachen, die Sarrazin einfach nur beschreibt, geradezu heraufbeschwört haben. Eine bessere PR hätten sich Autor und Verlag gar nicht wünschen können!

  2. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit einer freien und pointierten Meinungsäusserung. Was Herr Sarrazin da veranstaltet, ist sein gutes Recht, sicherlich. Doch es ist auch seine Pflicht, die Rechte und Interessen seines Dienstherren zu beachten. Als Vorstand der Bundesbank ist Herr Sarrazin zur Mäßigung verpflichtet. Und gemäßigt kann man seine Argumentation nicht nennen. Im Gegenteil, es scheint, als sein sie wohlkalkuliert just diesseits der Grenze formaljuristischer Zulässigkeit geprägt worden, jedoch mit dem klaren Ziel, eine maximale öffentliche Resonanz durch provozierende und missverständliche Formulierungen zu erzeugen. Das ist nicht maßvoll. Wenn Herr Sarrazin sich um das Amt des Integrationsministers bewerben will, steht ihm das frei. Doch wenn er über längere Zeit geradezu kindlich erfreut in immer gleicher Lust an der Provokation wiederholt, was seinen Dienstherrn in Erklärungsnot bringt, muss er damit rechnen, seines Amtes entpflichtet zu werden. Er ist Beamter und kein Politiker! Will er Politiker sein, muss er das Amt verlassen!

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