Kultur


30
Jun 11

Die Scheindebatte um den Fachkräftemangel

Der beständige wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland hat bis jetzt gute Arbeit geleistet. Die Zahl der Arbeitslosen sank in den letzten Monaten konstant und ist unter die symbolische Marke von drei Millionen gerutscht. Manch einer mag da schon von einer sich abzeichnenden Vollbeschäftigung sprechen. Reflexartig wird aber gleichzeitig eine Debatte um ein anscheinend akutes Problem entfacht: Fachkräftemangel. Qualifizierte Bewerber seien in Zukunft Mangelware. Dem deutschen Arbeitsmarkt würden national die Arbeitnehmer in vielen Bereichen ausgehen. Continue reading →


23
Jun 11

Imageschaden

Politik ist nicht frei von Verlogenheit. Jeder realistisch denkende Mensch kann dem zustimmen und ruft sich dabei die gängige Wahlkampffolklore in lebhafte Erinnerung: Vor der Wahl wird einiges versprochen, nach der Wahl jedoch oft wenig davon eingelöst. Manche Politiker können dadurch ausgelöste Enttäuschungen in der Wählerschaft durch persönliches Charisma und gute Erklärungen auffangen, vielleicht etwas Glaubwürdigkeit wieder herstellen, oder sogar noch die ein oder andere Wahl gewinnen. Trotzdem leidet hierunter im Großen und Ganzen das Bild der Politik in breiten Bevölkerungsschichten. Deswegen ist es nicht überraschend, dass dieser Beruf nicht als edelste aller Professionen wahrgenommen wird.

Dem Bürger als Ottonormalo erscheinen die Machenschaften der Volksvertreter in der Hauptstadt als nicht  nachvollziehbar. Oft sehen die Entscheidungswege verworren aus und der Lobbyist als diffuser, sprich nicht wirklich zu fassender Zuflüsterer des Politikers erscheint omnipräsentGrafik der Seiten in Guttenbergs Doktorarbeit, die laut d Guttenplag-Wiki Plagiate enthalten. Deswegen wünschen sich viele einen Vertreter mit klarer Kante, der aus dem politischen Anzugsdschungel hervorsticht, noch wahre gesellschaftliche Werte vertritt sowie gleichzeitig längst verloren gegangene Glanz und Gloria zurückbringt. Die Christdemokraten glaubten ihren Heilsbringer in  Dr. Karl Theodor von und zu Guttenberg gefunden zu haben. Sein  Credo:„Verantwortung verpflichtet“. Das kam sowohl bei Nicht-Akademikern als auch bei Bildungsbürgern gut an. Doch nachdem sich der prestigeträchtige Doktortitel des Freiherren als grobschlächtiges Plagiat herausgestellt hatte und selbst die beste Salamitaktik à la Felix Krull nicht dabei half, im Amt zu bleiben, musste er den Rückzug antreten und wird jetzt aus verpflichtendem Verantwortungsbewusstsein ins Ausland gehen.

Viel zu diesen Entwicklungen beigetragen hat die kollektive Plagiatsdokumentation GuttenPlagWiki. Unzählige Internetbenutzer durchforsteten die Doktorarbeit Guttenbergs nach geklauten Stellen und halfen so dabei Licht ins Dunkel zu bringen. Diese akribische Arbeit wurde jetzt mit dem Grimme Online Award in der Kategorie Spezial ausgezeichnet. Die vernetzte Zusammenarbeit hat sich als so schlagfertig herausgestellt, dass jetzt weitere prominente akademische Betrugsfälle aufgedeckt wurden. So hat zum Beispiel die Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber, Veronica Saß („VroniPlag Wiki“), ihres Zeichens Rechtsanwältin, auch kräftig plagiiert. Ihr Dokotortitel wurde von der Universität Konstanz aberkannt. So weit, so profan.

Viel interessanter hingegen ist  der Fall der  Silvana Koch-Mehrin, FDP-Politikerin und Mitglied des Europäischen Parlaments. Sie lässt die Aberkennung ihres Doktortitels durch die Universität Heidelberg nicht auf sich sitzen, giftet in einer Pressemitteilung zurück, dass „es auch zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört […] eine vorgelegte Arbeit ordentlich zu prüfen.“ All dies legt zwei Schlussfolgerungen nahe:

Die erste ist eine wissenschaftliche: Die Betreuer von Doktoranden müssen heutzutage ihren Schützlingen noch genauer auf die Finger schauen und dürfen sich auch nicht mehr hinter dem scheinheiligen Argument der fehlenden Technik zur Nachprüfung von Plagiaten verstecken.

Die politische Schlussfolgerung ist hingegen, dass Menschen, die sich im Leben durch Betrug Titel und Ämter ergattert haben, für diese Tat auch bezahlen sollten. Insofern ist Koch-Mehrin einen Schritt in die richtige Richtung gegangen, ihre Ämter als Leiterin der FDP-Delegation im Europäischen Parlament, als Parlamentsvizepräsidentin und als FDP-Präsidiumsmitglied niederzulegen. Gleichzeitig geht sie aber wieder drei Schritte zurück, indem sie ihr Mandat als Abgeordnete des Europäischen Parlaments beibehält. Ein PR-Desaster entfacht sie zudem noch, sich als Vollmitglied in den Ausschuss des EU-Parlaments für Industrie, Forschung und Energie wählen zu lassen. Als ob die FDP grade nicht genug Probleme hätte. ..

All dies lässt die Politik in einem sehr schlechten Licht dastehen. Wieder einmal wird sich jeder Stammtisch bestätigt sehen, dass Berufspolitiker, wenn es hart auf hart kommt, alle Moral über Bord werfen. Ihre zu rettende Karriere, geprägt  von den drei Sälen (Kreiß-, Hör-, Plenarsaal), gibt die Marschrichtung vor. Denn etwas anderes als das Politiker-Dasein kommt nicht in Frage.

Verhindern lassen sich solche desaströsen Ereignisse unter anderem durch drei Dinge: Zum einen kann das Internet mit seinen akiven Benutzern als vernetztes Kollektivbewusstsein viel dazu beitragen, solche schwarzen Schafe aufzudecken. Zum anderen muss den Politikern und Parteimitgliedern klar sein, dass sie sich keinen Gefallen tun, harte Konsequenzen zu vermeiden. Dadurch wird der Schaden nur noch größer.  Zu guter Letzt können auch die Lieferanten im Politikbetrieb (sprich Lobbyisten) selbst  aus diesen Fällen lernen. Transparenz ist en vogue. Nur wer sich in den heutigen Zeiten offen präsentiert, kann Vertrauen gewinnen.


1
Dez 10

German Winterdienst

Die Netzwelt wird dieser Tage nur von einem Thema beherrscht: Wikileaks. Was machen eigentlich die Menschen ohne Leaks-Zugang? Die haben sich gerade nichts mehr zu sagen. Das Internet spielt mal wieder Gott. Elfriede Jelinek dürfte sich die Hände reiben, hält sie das Netz doch für denselben. Natürlich ist die Aufregung groß und die Welt schockiert über sich selbst. Vielleicht geht man zu weit, wenn man die Enthüllung der Daten mit 9/11, also dem Angriff auf die Twin-Tower in Manhattan am 11. Sepbember 2001 vergleicht. So wie der italienische Außenminister Franco Frattini es in seiner ersten Abwehrreaktion tat. Aber eine Zäsur im Web 2.0-Zeitalter beschreiben diese Veröffentlichungen schon. Das Internet ist erwachsen geworden – so wie im September 2001 das Mobiltelefon etwachsen geworden war. Continue reading →


20
Okt 10

EU-Beitritt der Türkei: Ja-Ja oder nein? Jein!

Islam, Islamisierung, Islamismus, Muslime, Türken, Türkei – das sind die wohl häufigsten Begriffe, die in den letzten Wochen in der medialen Berichterstattung aufgetaucht sind.

Warum nur wurde den Begriffen wie Europäisierung, Beitrittsverhandlungen, Beitritt oder Energieversorgung wenig oder kaum Beachtung in diesem Zusammenhang geschenkt? Schließlich steht die EU vor einer schwerwiegenden Entscheidung seit seines Bestehens: Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte wird über die Aufnahme eines islamgeprägten Landes zum europäischen Bündnis diskutiert. Und das schon seit fünf Jahren!

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9
Okt 10

Nicht mit dem Zeigefinger!

Bundespräsident Christian Wulff hat eine Debatte entfacht. “Wie hälst du’s mit dem Islam” scheint sie überschrieben zu sein. Doch darum geht es nur am Rande. Es geht um die Integrationsbereitschaft der Deutschen. Und darum scheint es nicht zum
Besten bestellt zu sein, wenn selbst Medien, die sich ihre links-liberale Haltung so zugute halten wie die ZEIT, glauben, an prominentester Stelle – auf Seite 1 rechts – den Bundespräsidenten in seine Schranken weisen zu müssen. »Unser Islam?« lautet die provozierend offene Frage des Leitartiklers Ulrich Greiner, und schon das Fragezeichen im Titel macht klar, dass die Antwort aus Sicht der ZEIT bestenfalls in einer hochgezogenen Augenbraue besteht, die der Lehrer seinem Schüler gerade noch gönnt, um ihm zu signalisieren: “das ist nicht zuende gedacht!” Stimmt das? Hat die ZEIT tatsächlich diese Weitsicht, die Wulff nicht hat? Wohl kaum! Continue reading →


5
Okt 10

Wenn die Hymne gespielt wird …

mesut Politik ist ein Dienst an der Gemeinschaft. Res Publica, die öffentliche(n) Angelegenheit(en), müssen gestaltet und geregelt werden. In der Demokratie werden hierfür Kompetenzen auf Zeit an gewählte Abgeordnete vergeben. Welche Verantwortung mit diesem Mandat verbunden ist, vergessen Politiker zuweilen und stellen ihr Ego über das Gemeinwohl. Jüngstes Beispiel ist der CSU-Politiker Norbert Geis, der eine Rede von Bundespräsident Christian Wulff als “missverständlich” kritisierte. Ob Geis bewusst ist, wie sehr er sich mit dieser Meinung disqualifiziert hat? Continue reading →


10
Sep 10

Alles Nazis, oder was?

In den letzten Tagen folgt die Parteipolitik einem ganz einfachen Prinzip: Wenn jemand in der Partei nicht gemocht wird, zeigt man einfach mit dem Finger auf ihn und schreit laut „Nazi!“ Das ist leicht nachzuahmen, bedarf keiner konstruktiven Überprüfung und macht einfach nur Spaß, weil es alle in der einen oder anderen Partei genauso machen – kollektives Mobbing könnte man das auch nennen. Vielleicht sogar kollektive Rufschädigung. Continue reading →


31
Aug 10

Ach, Herr Sarrazin.

Mal wieder ist Deutschland in einer nahezu aufgebrachten Stimmung. Aber nicht, weil Obama unser Land erneut besucht, auch nicht weil die quirlige Lena einen neuen spektakulären Sieg verbucht hat. Nein. Dieses Mal ist es der ungeliebte „Tabubrecher“ Thilo Sarrazin. Kaum ein anderer schafft es zurzeit die Nation so zu spalten, wie er. Noch nicht ein Mal die Debatte um die Laufzeitverlängerung der AKWs. Die Welt steht still, wenn Herr Sarrazin spricht. Doch keiner hört ihm richtig zu. Zumindest keiner in der Politik. Da ist von Rauswurf die Rede, von Populismus und Provokation. Sogar als Rassist wird er beschimpft. Und es zeigt sich, dass die deutsche Nation, wie so oft, von der Maschinerie der Meinungsmacher überrollt worden ist, noch bevor sich diese eine eigene sachliche Meinung bilden konnte, geschweige denn Zeit hatte das berühmte Buch, von dem die Welt heute spricht, zu lesen. Herr Sarrazin ist in der SPD nicht mehr erwünscht, er soll sein Parteibuch zurückgeben. Aber er hat jetzt auch ein viel besseres. Eines, das sich rentiert.

Niemand mag das Buch und noch viel wichtiger, niemand mag Herr Sarrazin, der seine Gedanken auf 464 Seiten festgehalten hat. Frau Merkel mag ihn nicht, Frau Roth mag ihn nicht, Herr Westerwelle mag ihn auch nicht und viele andere prominente Politiker mögen ihn genauso wenig. Schade ist nur, dass sich keiner konstruktiv äußert, sondern lieber mit dem Finger auf ihn zeigt. Continue reading →


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