Das große Casting

Ein neues Sendeformat im französischen Fernsehen erfreut sich größter Beliebtheit und bietet gleichzeitig eine Möglichkeit der politischen Partizipation. Bei der neuen Castingshow bekommt der triumphierende Kandidat keinen Plattenvertrag. Er darf sein Gesicht auch nicht auf dem Titelblatt einschlägiger Modezeitungen präsentieren. Der Gewinner der Abstimmung darf sich am nächsten Sonntag als offizieller Präsidentschaftskandidat der Parti socialiste (PS) 2012 und Gegenkandidat des konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy vorstellen.

Das Konzept einer derartigen Vorwahl ist keinesfalls neu und doch in seiner Anwendung innovativ, ist es doch weniger pompös und aufgeblasen wie die amerikanische Variante. Nachdem die sechs potentiellen Staatsoberhäupter in drei Sendungen dem interessierten Publikum Rede und Antwort standen, soll letztendlich die große und endgültige Abstimmung erfolgen. Jedoch muss niemand befürchten, dass ein bekanntes Topmodel oder ein verdienter Musikproduzent eine derartige politische Entscheidung trifft, die auch in Europapolitik weitreichende Kreise ziehen kann. Vielmehr ruft die PS alle wahlberechtigten Franzosen sowie niedergelassene Ausländer zu der Urabstimmung auf, sofern sie sich per Unterschrift zu linken Grundwerten bekennen.

Der Aufwand scheint sich dabei auszuzahlen. Die prognostizierte Wahlbeteiligung liegt laut Meinungsforschern bei vier Millionen, die eigene Parteibasis ist nahezu geschlossen in das Projekt involviert,, die Einschaltquoten stimmen und die von der Parteiführung präferierten Kandidaten, François Hollande und Martine Aubry, scheinen sich mit ihrer Performance und politischen Inhalten durchzusetzen. Die guten Chancen auf einen Wahlsieg im Frühjahr wurden keinesfalls geschmälert. Als angenehmer Nebeneffekt werden durch die Castingshow gleichzeitig die Querelen um den designierten Ex-Präsidentschaftskandidaten Strauss-Kahn in den Hintergrund gedrängt.

Generell scheint durch diese Art des medialen Vorwahlkampfs ein großes öffentliches Interesse geweckt zu werden, das sich allerdings erst, beispielsweise durch eine große Wahlbeteiligung, bestätigen muss.

Letztendlich stellt sich die Frage, ob sich diese expandierte Form des Kanzlerduells auch in dem Mehrparteiensystem der Bundesrepublik verdient machen könnte. Die erhöhte Partizipation würde der aufstreben Zivilbevölkerung gut zu Gesicht stehen und der zuletzt rückläufige Trend der Wahlbeteiligung könnte gebremst werden. Unbestritten ist dieses Format jedoch ein Marketinginstrument mit großem Informations- und Mobilisierungspotential, mit Hilfe dessen schädigende, interne personelle Debatten in der Öffentlichkeit gelöst und zum eigenen Vorteil genutzt werden können. Und Führungsdebatten gibt es in der deutschen Parteienlandschaft derzeit allerorts!

Tags: , , ,

Ein Kommentar hinterlassen


Premium Wordpress Plugin