Der Atlantikspalter

So, jetzt habt Ihr es geschafft: Wir müssen uns auch noch einmal des Themas annehmen. Das beinahe beispiellose Diskutieren über jemanden, der gar nicht da ist, mutet seltsam an. Die Rede ist natürlich von KTG. Seinerzeit im Februar dieses Jahres hat die fette Henne richtiger Weise u.a. darauf hingewiesen, dass es nicht ratsam ist, vorzuverurteilen. Gut, heute sind wir ein dreiviertel Jahr weiter und natürlich klüger mit Blick auf das Ergebnis. Eine vorurteilsfreie Betrachtungsweise sollte selbstredend weiterhin Bestand haben.Eines bleibt aber offenbar unverändert: Die fast schon biblische Strahlkraft eines politisch und vielleicht sogar gesellschaftlich zunächst Gefallenen, der die Gemüter erhitzt und die politische Bürgergesellschaft spaltet. Maybrit Illner am Abend war der vorläufige Höhepunkt einer – ja, man möchte fast meinen Phantomdiskussion. Baron Guttenberg und die Medien sind eine mélange fatal ersten Grades. Erst schrieben sie ihn in Höhen, wo Ikarus schon lange schlapp gemacht hätte. Dann zerrissen sie ihn und nun greifen sie wieder fleißig in die Tasten, weil sich mit der Person zu Guttenberg offenbar Kasse machen läßt (angeblich ist die erste Auflage des Buches “Vorerst gescheitert” von 80.000 Exemplaren bereits komplett vorbestellt!).

Das mutet zunächst alles merkwürdig an. Fast könnte man meinen, dahinter stecke eine kluge Strategie – von beiden Seiten. Guttenberg kritisiert bei einer sauber vorbereiteten intternationalen Konferenz im beschaulichen Halifax mal im Rundumschlag die deutsche und europäische Politik. Parallel erwirken seine Anwälte die Einstellung des Strafverfahrens hinsichtlich seiner getürkten Doktorarbeit. Außerdem erscheint rechtzeitig zum Gabenfest ein Buch, das auf den ersten Blick sogar ein wenig demütig daherkommt: “Vorerst gescheitert”, ein Interview mit dem ZEIT-Chefredakteur di Lorenzo.

Auf der anderen Seite wird eben jender Chefredakteur in etwa geahnt haben, dass er mit dem Buch und dessen Vorabdruck für Furore sorgen würde. Okay, ein wenig ist der Schuss auch nach hinten losgegangen. Die bildungsbeflissenen ZEIT-Leser fühlen sich düpiert und bestellen das donnerstägliche Telefonbuch aus Hamburg kurzerhand ab. Unterm Strich hat das Blatt aber die ungeteilte Aufmerksamkeit, die es so gerne mag und das alte Motto “any PR is good PR” kommt ebenfalls nicht zu kurz. Was die Sache aber am Ende würzig macht, ist die Tatsache, dass frühzeitig das Wahljahr 2013 (wenn es dabei bleibt…) eingeläutet wurde. Die bisherigen “Parteigänger” vom Volkstribun Guttenberg müssen Farbe bekennen. Das könnte sich negativ auf ihre eigene Beliebtheit – so oder so auswirken.

Bleiben wir aber mal nüchtern: Weder hat zu Guttenberg sich eines Verbrechens schuldig gemacht, dass unentschuldbar wäre. Viel weniger noch dürfte ihm der eigene Imageschaden auf politischer, gesellschaftlicher, aber auch ganz persönlicher Ebene ein Wohlgefallen sein – das ist schon eine Strafe, die man erst einmal aushalten muss. Mit seinen kritischen Äußerungen, die natürlich auch entsprechend isoliert überhöht werden, hat er zugegebener Maßen schlechten Stil bewiesen. Aber die Tatsache, dass sich alle so fürchterlich darüber aufregen, könnte auch als dezenter Hinweis darauf durchgehen, dass ein Fünkchen Wahres da und dort dran ist. Letztlich, und das hat der frech-fröhliche Hajo Schumacher am Abend gesagt, würde selbst ein Karl-Theodor zu Guttenberg allein nicht in der Lage sein vom Osten der USA her den Atlantik mit seinem Ritterschwert zu teilen, um als politischer Revolutionär trockenen Fußes in Europa anzulanden und die gesamte deutsche Politik zu Fall zu bringen. Wünschen wir allen etwas mehr Gelassenheit und – mei, warum nicht?! – eine entspannte Weihnachtslektüre.

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