Der Bock im Garten

20130507-182309.jpgVerbraucherschutz. Und wenn kein Verbraucherschutz, dann Produktivität. Das sind zwei der obersten Maxime, die sich die Europäische Kommission auf ihre Fahne geschrieben hat. Es ist ein quasi logischer Ansatz für eine Institution, der es vor allem an einem mangelt: Ansehen in der Bevölkerung. Dieses Ansehen, so finden die Brüsseler Kommissare, steht ihnen zu und wird doch nur spärlichst gewährt. Läuft etwas gut in Europa, sind es die nationalen Regierungen, die den Ruhm ernten. Läuft es aber schlecht, ist es “die Kommission”. Dass daran manchmal tatsächlich etwas Wahres ist, zeigt der Entwurf der neuen Saatgut-Verordnung [PDF]. Hier war es tatsächlich die Kommission, die unter dem Deckmantel von Verbraucherschutz und Produktivität sprichwörtlich den Bock zum Gärtner gemacht hat. Denn das Regelwerk würde, da sind sich zahlreiche Initiativen von Fach- und Laienverbänden sicher, vor allem eines erreichen: Die Verfügbarkeit von Saatgut drastisch einschränken und die Vielfalt minimieren. Es werden enorme Hürden für die Zulassung und den Vertrieb von Saatgut errichtet, die sich in finanziellem und bürokratischem Aufwand messen lassen und die – so die Sorge von Kritikern – viele kleine und mittelständische Züchter und Landwirte zur Aufgabe zwingen könnten, weil sie sich das alles nicht mehr leisten können. Profitieren würde vor allem die Brüsseler Saatgutlobby, angeführt von Bayer, BASF, Monsanto und Syngenta.

Dabei verfolgt die Verordnung das Ziel nachhaltiger Land- und Forstwirtschaft und den “Schutz landwirtschaftlicher Vielfalt”:

The basic objective of the above Directives is sustainable agricultural, horticultural and forestry production. In order to ensure productivity, the health, quality and diversity of plant reproductive material is of outmost importance for agriculture, horticulture, food and feed security, and the economy in general. Moreover, to ensure sustainability, legislation should take account of the need to meet consumers’ expectations, to ensure the adaptability of production to manifold agricultural, horticultural and environmental conditions, to face the challenges of climate change and to foster the protection of agro-biodiversity.

Es ist ein ambitioniertes Verständnis von Nachhaltigkeit, welches sich in der Wortschöpfung “nachhaltiger Intensivierung” ausdrückt. Die Quadratur des Kreises: “höhere Ernterträge” ohne “nachteilige Auswirkungen auf die Umwelt” und ohne “höheren Flächenverbrauch”. Dieses Ziel, so die Kommission, könne nur mithilfe einer Saatgutverordnung erreicht werden.

Sustainable intensification” and greening of food crop production, in which yields are increased without adverse environmental impact and without the cultivation of more land, have become a central concern. Plant reproductive material legislation is critically important for reaching this aim.

Der Entwurf wurde massgeblich mitverfasst von Isabelle Clément-Nissou, einer Mitarbeiterin des Französischen Saatgutherstellerverbandes
Kein Wunder, dass sich angesichts dieser Verquickung zentrale Textstellen des Verordnungsentwurfs mit Texten des Saatgutlobby- Verbandes Euroseed [PDF] decken.

(…) there is a pressing need for a ‘sustainable intensification’ of agriculture in which yields are increased without adverse environmental impact and without the cultivation of more land. Sustainable intensification is not an aspiration, it is an imperative!

Zu den Mitgliedern des Herstellerverbandes Euroseed zählen tatsächlich mit BASF, Bayer, KWS, Monsanto und Syngenta jene großen Konzerne, von denen Aktivisten sprechen, wenn sie von “Agrochemie” reden.

20130507-192058.jpgAusgerechnet diese Unternehmen zum Garanten von Nachhaltigkeit und Artenvielfalt zu machen, ist gleichbedeutend mit dem Versuch, den Bock zum Gärtner umzuschulen. Sie haben ein genau gegenteiliges Interesse:

Sie reduzieren mithilfe von Patenten und genetisch manipulierten Organismen die natürliche Artenvielfalt. Bekanntestes Beispiel ist der gescheiterte Versuch, die auch in Deutschland beliebte Kartoffelsorte Linda mithilfe sortenschutzrechtlicher Schritte aus dem Markt zu nehmen. Er scheiterte, weil es einem Züchter gelang, für die Sorte eine neue Zulassung in Schottland zu erreichen. Nach der neuen Verordnung wäre das nicht mehr möglich, auch deshalb, weil es Bauern zukünftig verboten sein soll, Saatgut zu handeln, wenn sie selbst Anbau betreiben. Zudem müssen die bürokratischen “Dokumentationspflichten” beachtet werden, was quasi auf ein Verbot hinauslaufe, beklagen Aktivisten, da kaum jemand diesen Aufwand tragen könne. Ausgenommen große kapitalstarke Konzerne.

So gesehen ist die Verordnung eine Maßnahme zum Schutz wirtschaftlicher Interessen, nicht jedoch im Interesse der Verbraucher in Europa. Die haben einen Bock zum Gärtner.

Hier können Sie eine weitere Petition unterzeichnen, die die Saatgutverordnung stoppen kann, wenn viele Verbraucher sich anschliessen.

Tags: , , , , ,

Ein Kommentar hinterlassen


Premium Wordpress Plugin