Die Schönheit der Politik

Bernd Ulrich hat in der aktuellen Ausgabe Nr. 37 der ZEIT auf Seite 3 einen bemerkenswerten Essay über “die Schönheit der Politik” veröffentlicht. Bemerkenswert daran ist weniger die Festlegung des Autors auf schöne oder hässliche Momente der Politik. Darüber lässt sich immer streiten. Bemerkenwerst ist der Artikel weil er, wenn auch erst am Schluß, den Zusammenhang von Politik und Medien erwähnt. Ulrich kann man nur zustimmen in seinem Urteil, dass Politik etwas Erhabenes, Schönes sei. Sie ist für uns gleichbedeutend mit Demokratie, der Staatsform, für die ein besserer Ersatz erst noch gefunden werden muß. Auch stimmt, dass Kritik wie sie von prominenten Künstlern wie Grönemeyer oder Enzensberger überliefert wurde, die Gefahr der Demokratieverdrossenheit in sich birgt. Gleichwohl wird auch Ulrich zugestehen müssen, dass es Momente oder gar Trends gibt, auf die Kritik von der Art Grönemeyers oder Enzensbergers zutriftt. Dass es unter Umständen auch angebracht sein kein, diese Kritik so wie geschehen zu äußern – um die Schönheit der Politik zu bewahren!
Hier kommt der Zusammenhang zwischen Medien und Politik ins Spiel. “Die Medien” – die Verallgemeinerung an dieser Stelle ist eine Chiffre für die seit rund 25 Jahren erkennbare Verschiebung von Qualitäts- zu Wirtschaftlichkeitsmaximen in der stark gewachsenen Medienwelt. Medien haben unzweifelhaft dazu beigetragen, wie Ulrich beschreibt, ein demokratisches Bewusstsein in Deutschland zu verankern. Sie haben aber auch ermöglicht, dass sich (zu viele) Politiker auf kurzfristige Effekthascherei durch schnelle Schlagzeilen ausgerichtet haben, anstatt das behaarrliche Bohren dicker Bretter zu betreiben.
Dafür – für die Durchdringung der immer komplexeren Pobleme in Gegenwart und Zukunft – sind Politiker gewählt. Viele diese Probleme lassen sich jedoch in einer Legislaturperiode nicht lösen. Damit wird selbst für den aufrichtigsten Politiker die eigene Wiederwahl zur Voraussetzung der politischen Arbeit. Ein Teufelskreis beginnt: Wettbewerber und politische Gegner nutzen jede Möglichkeit, sich im kurzfristigen Blick auf den nächsten Wahltermin ins bessere Licht zu rücken. Nur wenige Politiker können diesem Druck widerstehen. Die meisten passen sich – zunächst aus lauteren Motiven – an. Manche verlieren gänzlich den Blick auf das Wesentliche und konzentrieren sich vollends auf den Effekt, den z.B. ein Treffen mit einem Popstar erzielen kann, wenn es bekannt wird. Wer wollte es dem Popstar verdenken, dass er dieses Spiel durchschaut und nicht mitmacht?
Es gehört zur Widersprüchlichkeit des Systems, dass manche Medien nicht nur bereitwillig an der substanzarmen “Event-Berichterstattung” mitwirken, sondern den negativen “Klimawandel” durch die Erzeugung nachhaltig schädlicher Bilder “der Politik” erst ermöglichen. Etwa wenn sie Bilder eines nur wenig besetzten Plenarsaals verbreiten, ohne hinzuzufügen, was jeder politische Berichterstatter wissen muß: Dass politische Arbeit im Deutschen Bundestag in erster Linie in arbeitsteilig organisierten Ausschüssen erfolgt und daher ein spärlich besetzter Plenarsaal alles ist, nur kein Beweis für Faulheit der Politiker.
Es ist in gleicher Weise widersprüchlich und legitim zugleich, wenn Popstars, Schriftsteller und andere Personen des öffentlichen Lebens ihre “Glaubwürdigkeit” dazu verwenden, Druck aufzubauen, um essentielle und im wesentlichen offenkundige Probleme wie die Veränderung des Weltklimas im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern. Solange auch dies “arbeitsteilig” erfolgt, indem ein Teil der Stars mit Politikern spricht und ein anderer Teil die Gefahr der Effekthascherei betont (ohne den latenten Vorwurf der Selbstgerechtigkeit zu fürchten), ist dies ein weiterer Ausdruck der Schönheit von Politik in der Demokratie. Diese ist oft profan und gerade dadurch auch erhaben.

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