Ein Mythos in der deutschen Politik

Absolventen eines Humanistischen Gymnasiums können ein Lied davon singen: Der Mythos und seine Wirkung auf die Nachwelt. Dass die Mythen jedoch nicht nur im griechischen Altertum und bei den alten Römern ein Rolle spielten und so mehr als zweitausend Jahre später Abiturienten schlaflose Nächte bereiten konnten, wenn sie ihren antiken Stoff nicht beherrschten, ist bekannt. Dass jedoch auch die Politik im 21. Jahrhundert von Mythen durchrankt ist, zeigt der Beitrag von Hugo Müller Vogg in der gestrigen BILD.
Weil in der großen Politik nicht viel passierte, hatte er Gelegenheit, den Mythos vom mächtigen “Pacto Andino” zu bemühen, um die weltbewegende Nachricht eines Ausflugs der Mitglieder dieses auf eine von der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte Flugreise nach Südamerika zurückgehenden Freundeskreises zu verpacken.
Damit soll keineswegs bestritten werden die Existenz des Andenpaktes, der übrigens demütig “Pacto Ando Segundo” getauft wurde. Allerdings sind Berichte über die Kraft des Paktes doch mit einiger Vorsicht zu genießen. Wen überrascht es, dass ein Netzwerk von mächtigen und einflussreichen Politikern wichtige Entscheidungen mitbeeinflussen? Doch was hat der Umstand, vorübergehender Interessenkongruenz mit dem Anden-Pakt zu tun? Wenig bis gar nichts. Denn der Anden-Pakt wird in seinem einenden Einfluß erheblich überschätzt. Richtig ist, dass die Mitglieder des Paktes nicht schlecht übereinander reden, und wenn dann nur “unter drei“. Doch wann reden Politiker (einer politischen Familie) schon mal wirklich schlecht übereinander. Richtig: höchstens “unter drei“, Andenpakt hin oder her! Dass “der Pakt” die Kanzlerschaft von Angela Merkel verhindert hat, ist wohl ebenfalls eine etwas weit hergeholte Schlußfolgerung aus dem gewiss zutreffenden Umstand, dass mehrere der Mitglieder des Paktes aus machttaktischen Erwägungen Edmund Stoiber für den für sie selbst opportuneren Kandidaten hielten. Jedoch: Es gab auch ausserhalb des Paktes einflussreiche Politiker, die so dachten. Ihr Einfluß wäre mit einer Formulierung wie sie Müller-Vogg wiederholt gebraucht hat sicher nicht zutreffend umschrieben. Und schließlich: Was hat es mit dem Niebelungen-Schwur auf sich, dass keiner aus dem Kreis gegen den anderen kandidieren werde? Möglicherweise haben sich die jungen Politiker über den Anden tatsächlich derartiges versprochen (und vielleicht gar mit ihrem Blut besiegelt – Nagelscheren waren seinerzeit im Handgepäck noch zulässig! Zuverlässig überliefert ist jedenfalls der Umstand, dass Alkohol getrunken wurde). Doch ein gutgläubiger Mensch ist, wer annimmt, dies hätte nachhaltige disziplinierende Wirkung entfalten können. Spätestens im April 1997 war es mit dieser Einigkeit vorbei. Damals schied der CSU-Mann Alois Glück aus dem Amt des Vorsitzenden der Großen Fraktionsvorsitzendenkonferenz von CDU und CSU. Sein Nachfolger wurde Roland Koch. Doch er hatte einen Konkurrenten aus dem Kreis derer, die Jahrzehnte zuvor mit ihm in der selben Maschine über den Anden kreisten. Gelöst hat diesen Interessenkonflikt nicht der Pakt, sondern die einzig maßgebliche Autorität in der CDU zu jener Zeit: Helmut Kohl. Ein Mythos in der deutschen Politik.

Tags: , , , , , , ,

Ein Kommentar hinterlassen


Premium Wordpress Plugin