Energie 3.0 – aber bitte nachhaltig!

Atom OFFDie zurück liegende parlamentarische Woche würde es in sich haben, dass war hinreichend bekannt. Was aber allein zum Thema Energie insbesondere am Donnerstag durchs Plenum ging, war beachtlich: Insgesamt 8 Gesetzesvorhaben wurden per Erster Lesung ins Gesetzgegungsprocedere gehievt. Von der Beschleunigung des Netzausbaus über die Stärkung der Klimagerechten Entwicklung von Städten und Gemeinden bis hin, ja bis hin zum mittlerweile 13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes. Das Werk insgesamt firmiert landläufig unter “Energiewende-Paket”. Viel ist gestritten worden über das beschleunigte Verfahren und dadurch unvermeidliche handwerkliche Fehler, aber das soll hier gar nicht das Thema sein. Der “Verkehrte-Politische-Welt-Aspekt” wäre an dieser Stelle ebenfalls reizvoll, wurde jedoch an anderer Stelle schon gut analysiert.

Die letzen Wochen und Monate waren äußerst hektisch. Aber wie war es auch anders zu erwarten in Zeiten großer Verunsicherungsmöglichkeiten durch unsere modernen Kommunikationswege?! Zudem kamen endlose Interessen, die am Kittel der Politik gezuppelt haben – vom Stromerzeuger bis zum Verbraucher. Klar, Strom kommt eben nicht nur aus der Steckdose, sondern ist ein elementares Grundbedürfnis. Mancher hätte sich sicherlich noch mehr Zeit zur Diskussion und Beeinflussung gewünscht, aber was hätte es ggf. gebracht?

Wichtig erscheint es nun, nach vorne zu schauen und die Möglichkeiten,  die die “Energiewende” bietet, beim Schopfe zu packen. Ein strategischer Aspekt kann/sollte dabei eine dezentralere Ausrichtung der Versorgung im Vergleich zum Status quo sein. Statt der zentralen Erzeugung mit aufwendiger Verteilung, sollte die dezentrale Erzeugung mit Verbrauch vor Ort im Mittelpunkt stehen.

Ein anderer zentraler, wenngleich weniger strategischer Gesichtspunkt ist die Nachhaltigkeit bei der Energieerzeugung. Das wird die größte Herausforderung bei der Energiewende überhaupt. Mit den nun politisch eingeleiteten Schritten besteht die einmalige Chance, eine wirklich nachhaltige – und zwar im Sinne des englischen Wortes “sustainable” – Entwicklung anzustoßen. Damit keine Mißverständnisse aufkommen, Atomenergie war bzw. ist in diesem Sinne alles andere als nachhaltig: Sie hat in den Anfängen ebenfalls Milliarden an Subventionen verschlungen, das Betreiberisiko läßt sich nur durch den Staat (!) versichern, die Fragen nach Zwischen- und Endlagerung von Brennmaterial ist völlig ungeklärt und wird die Natur auf Jahrtausende beschäftigen; nicht zuletzt kostet der Abbruch eines Atomreaktors eine halbe Milliarde Euro und mehr. Derzeit daher zu kommen und zu argumentieren, der Strom aus Kernkraft koste nur 4,6 Cent ist mehr als scheinheilig. Selbst bei den atomgläubigen Franzosen sprechen sich mittlerweile 62% für einen mittelfristigen Ausstieg in 25-30 Jahren aus. Auf 35 Mrd. € werden dort jetzt schon die Kosten für die Endlagerung atomaren Mülls beziffert. Die französischen EVUs (Energieversorgungsunternehmen) sind aber bisher nur verpflichtet, bis 2016 Rückstellungen i.H. von 18 Mrd. aufzubauen (vgl. Wirtschaftswoche Nr. 24, S. 56/57). Von Nachhaltigkeit kann hier also keine Rede sein, im Gegenteil, es ist eine enorme Hypothek auf die Zukunft.

Leider gibt es jenseits dieser Konstatierung aber schon beim grundlegenden Verständnis dessen, was Nachhaltigkeit an sich bedeutet, Probleme, wie dieser kleine Film zeigt.

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Im vorindustriellen Zeitalter stellte sich die Frage im  Grunde gar nicht: Alles Wirtschaften fand im Kreislauf der Natur statt, war also “nachhaltig”. Wer Energie brauchte, zündete ein Feuer an. Das Holz dafür wuchs in der Umgebung und erzeugte bei seiner Verbrennung nur den Anteil an CO2, den der Baum zu Lebzeiten schon in Form von Sauerstoffabgabe kompensiert hatte. Holz verbrennen ist grundsätzlich klimaneutral. In dem Maße allerdings, wie man Eisenerz nicht mit einem einfachen Grillfeuer im Garten schmelzen kann, hat sich unsere Energiegewinnung in den zurück liegenden Jahrhunderten von der Nachhaltigkeit im natürlichen Sinne entfernt – ganz einfach. Ein ähnliches Bild läßt sich in Bezug auf die Mobilität zeichnen: Wie weit wir hier von einer Nachhaltigkeit entfernt sind, zeigt die simple Tatsache, dass wir zum Mond nicht zu Fuß gehen können… Vor der selbstgetriebenen Fahrzeugmobilität bestimmten die (natürlichen und damit nachhaltigen) Gesetze der Dissimilation bei Mensch und Tier die Fortbewegung. Auch hier soll kein falsches Bild entstehen, der Autor ist kein Feind modernen Lebens und Fortbewegens. Aber sich hin und wieder des Preises der Modernität bewußt werden, kann nicht schaden.

Das Ziel ist klar und richtig: Energiegewinnung aus regenerierbaren, also nachwachsenden Quellen. Deutschland hat in den letzten 20 Jahren viel erreicht, wie diese Grafik aus dem 2011er EEG Erfahrungsbericht der Bundesregierung zeigt. Anfangs noch über das Stromeinspeisegesetz und seit 2000 mit Hilfe des Erneuerbare Energien Gesetzes – kurz EEG (Quelle: Bundestag):

Von unter 20.000 auf über 100.000 Gigawattstunden/Jahr. Zum Vergleich: der aktuelle Energieverbrauch in Deutschland liegt bei ca. 500-600 Terrawattstunden/Jahr. Da ist also noch etwas “Luft” nach oben. Daher hat die Bundesregierung schon in ihrem Energiekonzept im September 2010 die Marschrichtung vorgegeben. Der Anteil der Erneuerbaren soll bis 2020 verdoppelt werden von derzeit um die 17 % auf dann 35 %. 2050 sollen es dann schon 50 % sein, 2040 65 % und 2050 schließlich 80 %. Die 100 % werden von heute Lebenden wohl nicht mehr viele mitbekommen.

Dass ein hoher Anteil erneuerbarer Energien nicht automatisch auch bedeutet, dass die Energie ebenfalls unter den vielfältigen Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit erzeugt wurde, soll im Folgenden an einer Reihe von Beispielen deutlich gemacht werden. Bei aller Euphorie, wird es entscheidend darauf ankommen, diese Dinge im Blick zu behalten. Nur auf die CO2-Vermeidung allein zu schielen reicht nicht aus, wenngleich das Klimaziel hohe Priorität genießt.

Aus diesem Grund gibt es eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen wie zum Beispiel die Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung (Biokraft-NachV) und die Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung (BioSt-NachV). Danach muss Strom aus erneuerbaren Quellen “im Interesse des Umwelt-, Klima- und Naturschutzes so hergestellt werden, dass ihr Einsatz zur Energieerzeugung gegenüber fossilen Energieträgern deutlich weniger Treibhausgase freisetzt und dass der Anbau der Pflanzen keine besonders schützenswerte Flächen zerstört”. In der Praxis einfacher gesagt als getan.

Wenn jetzt “Biomasse-Bauern” mit Milchbauern um Ackerland konkurrieren, haben letztere im Zweifel das Nachsehen. Höher subventioniert, können Erstere höhere Pachten bezahlen, was klar eine Wettbewerbsverzerrung darstellt. Wenn zudem irgendwann überall nur noch Mais wächst, entstehen krankheitsanfällige und pflanzenschutzintensive Monokulturen. Das hat dann mit Nachhaltigkeit wenig zu tun. Hier steuert die Bundesregierung aktuell schon gegen und läßt die Förderung für Biogas 2014 auslaufen. Dennoch kann in drei Jahren eine Menge passieren.

Zwei weitere Aspekte mit Blick auf die Biomasse ermahnen zur Einhalt: Sogenannten Energiepflanzen, die mehr Energie benötigen als aus ihnen gewonnen werden kann, sind Gift für nachhaltiges Wirtschaften. Die Zuckerrübe ist so ein Produkt. Vom Pflügen übers Sähen bis zur Ernte und Verarbeitung übersteigt der Energiebedarf deutlich den Ertrag – auch hier kann von Nachhaltigkeit im Wortsinne nicht die Rede sein. Vom Palmöl, das auf gerodeten Regenwaldboden entsteht, wollen wir hier gar nicht erst sprechen. Es gibt nicht viele Pflanzen, die eine positive Energiebilanz haben. Das schaffen nur die sog. C4-Pflanzen wie Mais, China-Schilf oder Zuckerrohr.

Photovoltaik-Anlagen bergen möglicherweise ebenfalls Gefahren. Wenn Hersteller von Modulen z.B. giftiges Cadmium verbauen, taucht die Frage auf, wer recycelt eigentlich die Anlage, wenn ihr Lebenszyklus zu Ende ist? Ein Land wie Deutschland, das nicht Capri ist, mit Solarfeldern vollzubauen, wäre mit Sicherheit kein gutes Signal – und es wäre auch nicht nachhaltig. Sonne auf Dächern zu “ernten” ist da schon viel sinnvoller. Wenngleich freistehende Module viel effizienter sind, weil sie sich flexibel nach der Sonne ausrichten können (s. Beitrag “Es ist machbar…“).

Windenergie avanciert derzeit zur wichtigsten Karftwerksoption. Gigantische Windparks offshore mit Leistungen von jenseits der 500 Megawatt (z.B. 100 Windräder à 5 MW) werden geplant, aber wegen der technischen Herausforderungen nur langsam gebaut. Keiner diskutiert über die Frage, wer denn die 5 Megawatt-Anlage gegen Bruch versichert. Bisher sind mit solchen Großanlagen keine ausreichenden, langfristigen Erfahrungen gesammelt worden. Auf See ist zudem noch einmal alles komplizierter wegen des unberechenbaren Wetters. Den Staat als “Versicherer” erneut in Haftung zu nehmen, wie aktuell bei der Kernkraft wäre sicherlich kein nachhaltiger Schritt.

Die Liste der  Beispiele könnte noch ein Weilchen fortgeführt werden. Aber bitte, es ist kein Miessmachen, sondern nur ein Bewusst(er)machen. Das führt mich zur Kernüberlegung, nämlich dem Gedanken, was das Sinnvollste ist mit Blick auf die Energiepolitik/-wende: das  Energiesparen bzw. die vorhandene Energie effizienter einsetzen. Über die Frage, warum im Prinzip immer weniger Menschen (zumindest in unseren Breiten) immer mehr Energie verbrauchen, diskutiert niemand (öffentlich). Die aktuelle Energiewende birgt die Chance, auch über die Kapazitäten sowie die Verfügungsstruktur von Energie bzw. Strom nachzudenken. Ein Stichwort muss die Dezentralisierung sein. Positiv dabei ist, dass es mittlerweile schon über 2,5 Mio. Einspeisepunkte ins öffentliche Netz gibt. Das war vor gut 10 Jahren noch im vierstelligen Bereich (ca. 1.800). Warum aber sollen die bisherigen Kapazitäten einfach “ersetzt” werden?! Ist es jetzt nicht an der Zeit, das Effizienzpotenzial zu heben? Auch dafür lassen sich eine Menge Beispiele finden. Reine Physik ist der Transport von Strom. Da geht unterwegs eine Menge flöten, insbesondere bei Wechselstrom. Der sollte folglich möglicht dicht am Verbrauchsort produziert werden.

Wahrscheinlich ist es bei keinem Punkt der “Energiewende” so gut möglich wie beim Thema Nachhaltigkeit, dass jeder einzelne einen Beitrag leisten kann. Es fängt maßgeblich beim Konsum an. Hier sitzen wir zugegebenermaßen in einer Zwickmühle: Erst ein sich schnell drehender Produktserienumschlag fordert die Industrie zu neuen Innovationen heraus. Das kommt mittel- und langfristig auch der Umwelt zugute. Kurzfristig wird aber auf Kosten von Ressourcen jeglicher Art wie wild produziert und konsumiert. Warum, um nur ein Beispiel zu geben, muss es alle zwei Jahre ein neues Mobiltelefon sein? Das Gerät verliert ja nicht plötzlich die Fähigkeit zu telefonieren. Jüngst rühmte sich eine ganze Industriebranche damit, dass mehr als zwei Drittel der in der Branche erzeugten und sich am Markt befindlichen Produkte jünger ist als drei Jahre. Das lässt zweifelsohne auf einen hohen Grad an Innovation schließen. Aber welchen Preis hat diese “Mach-neu-Maschinerie”? Reparaturen sind heutzutage – insbesondere bei elektronischen Geräten – teurer als ein Naukauf. Wir leben über unsere Verhältnisse und das ist nicht nachhaltig! Zwar macht moderne Stromzählertechnik für den privaten Stromverbraucher einige seiner Verbräuche transparenter, aber so transparent wie beim Tanken eines Autos an der Tankstelle, wo ich den Preis so unmittelbar vor mir an der Säule sehe und entweder stöhne oder erleichtert aufatme, ist es lange nicht. Läuft Sprit am Einfüllstutzen  vorbei, sehe ich ihn; Strom “versickert” und keiner merkt es. Damit einher geht die Vielzahl elektrischer Geräte in einem durchschnittlichen deutschen/westlichen Haushalt – viele davon auf Standby, ohne dass irgendwo ein Ausknopf zu finden wäre. Darüber hinaus steckt die Diskussion um den ökologischen Fußabdruck eines Produkts noch in den Kinderschuhen. Wer denkt schon beim Kauf eines neuen Gadgets über dessen Energieverbrauch im gesamten Lebenszyklus nach? Die Herstellung ist ein Aspekt, aber was kommt danach? Gut, die Kühlschrank- und Automobilindustrie ist einen kleinen Schritt weiter. Dennoch, nachhaltig ist anders!

Einher mit der schönen bunten und immer neuen Warenwelt geht neben dem hohen Einsatz von Ressourcen (deren Verarbeitung auch schon wieder Energie verschlingt) der weltweite Handel mit diesen Waren. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass der weltweite Handelsschiffsverkehr allein bis zu 5 % zu den globalen Treibhausemissionen beiträgt. Leider sind diese Zahlen von Greepeace nur von 2008, aber im Zweifel ist es mehr statt weniger geworden. Ein 11.000-TEU-Schiff wie z.B. die Emma Maersk erzeugt im Jahr soviel CO2 wie ein Kohlekraftwerk. Die internationale Arbeitsteilung, so sinnvoll sie ökonomisch ist, hat einen hohen ökologischen Preis – zulasten der Nachhaltigkeit.

So wie dieser Beitrag an einem PC erstellt wird, der online mit der Seite des Blogs verbunden ist, verschlingen allein die Deutschen Rechenzentren/Serverfarmen die Stromleistung von vier Großkraftwerken – die Hälfte davon wird für die Kühlung der Geräte gebraucht. Das sind im Jahr ca. ein Mrd. € Kosten. Die Temparatur in einem Serverraum um wenige Grad steigen zu lassen oder eine moderne Abwärmegewinnung sind nur zwei praktische Beispiele für intelligente “Green IT”. Das Wuppertal Institut beschäftigt sich schon länger mit diesen Fragestellungen. Unsere Informationsgesellschaft entwickelt sich zu einem Umweltproblem und keiner bekommt es mit – fast keiner. Gut, dass sich Spezialisten zwischenzeitlich intensiv mit dem Thema befassen, damit Informationstechnologie einigermaßen nachhaltig Nutzen stiftet.

Ein hohes Maß an Effizienzgewinn und damit Nachhaltigkeit mit Blick auf die energetische Versorgung birgt der Bereich Gebäude. 40 % des Energieverbrauchs und der Treibhausemissionen werden (in Deutschland!) diesem Sektor zugeschrieben. Okay, kein Architekt möchte eine ästethische Hausfassade durch schnödes Dämmaterial verunziert wissen. Auch darf Dämmen und Dichten kein Selbstzweck sein. In der Szene wird dieser Tage oft gespöttelt, dass Deutschland von einem Land der Dichter und Denker zu einem Land der Dämmer und Abdichter verkomme. Soweit muss keiner gehen. Mit hochwertigen Baumaterialien, dichten Fenstern und einem vernünftigen, effizienten Heizsystem wäre schon viel gewonnen. Allerdings gilt auch hier die Maxime, wenn die Herstellungsenergiebilanz der verwendeten Produkte in einem zu kleinen Größenverhältnis zu ihrem Lebenszykluseinsparpotenzial steht, ist keinem geholfen. Leider stehen hier oftmals partikulare, kurzzeitige Geschäftsinteressen den langfristigen, allgemeinen Nachhaltigkeitsinteressen diametral gegenüber.

Wem dieser “Wald” an Gedanken rund um das Thema Nachhaltigkeit nicht reicht, der kann einen Selbstversuch starten: Eine Woche so bewusst zu leben, dass beim Verzehr von Lebensmitteln außer vielleicht Papier und Glas (relativ leicht recyclebar) sowie kompostierbare Bioabfälle kein Müll entsteht. Okay, den Kühlschrank darf man anlassen. Mit Blick auf die Mobilität wäre das Ziel, weitestgehend oder ganz auf Auto/Motorrad zu verzichten und mit ÖPNV, Fahrrad oder zu Fuß seine Wege zurück zulegen. Die Hausverbräuche an Strom gilt es zu halbieren (einfach den Stromzähler beobachten). Wer das erfolgreich schafft, ist dem Prinzip der Nachhaltigkeit ein großes Stück näher gekommen und hat ein Gefühl dafür entwickel, wie weit der Weg noch ist…

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