Frau Schavan, übernehmen Sie!

Kaum ist die von Ursula von der Leyen angestossene Diskussion um Kinderbetreuungsmöglichkeiten richtig in Fahrt gekommen, steht der deutschen Politik die nächste Grundsatzdebatte ins Haus: “Wir verschlafen den Bildungsboom!” Das jedenfalls ist die Meinung des deutschen OECD-Experten Andreas Schleicher im Gespräch mit dem manager-magazin (manager magazin 03/2007, S. 94ff.). Die Feststellungen bergen einiges an Zündstoff. Deutschland sei bald nicht mehr in der Lage, dem Arbeitsmarkt die benötigten qualifizierten Kräfte zur verfügung zu stellen.

“Wir versuchen die Schüler des 21. Jahrhunderts durch Lehrer zu unterrichten, die im 20. Jahrhundert ausgebildet wurden und die in einem Schulsystem arbeiten, dass im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert stammt und nicht mehr zeitgemäß ist. Das passt nicht mehr in den modernen Arbeitsmarkt.”

Um die Position der deutschen Volkswirtschaft im internationalen Vergleich zu halten, sei es unerlässlich, mehr jungen Menschen in Deutschland den Hochschulzugang zu ermöglichen. Während Länder wie Korea diesbezüglich durch eigene Anstrengungen von hinteren auf Spitzenränge im OECD-Vergleich aufsteigen konnten, sei Deutschland jahrzehntelang auf seinem Niveau der Vergangenheit verharrt und dadurch ins letzte Drittel abgerutscht. Schleicher räumt bereits vorab mit Illusionen auf, dies werde durch die hohen Qualität der dualen Berufsausbildung kompensiert:

“Die berufliche Ausbildung ist eine große Stärke des deutschen Bildungssystems. Aber sie ist ein Modell für einen schrumpfenden Teil der Wirtschaft, nämlich für das Handwerk und für die klassische Industrieproduktion. Wer eine Lehre gemacht hat, ist nicht unbedingt schlechter ausgebildet als ein Hochschulabsolvent, er findet oft auch relativ schnell einen Arbeitsplatz.
Jedoch steht dem Erfolg des dualen Systems zu Beginn des Arbeitslebens ein stetig wachsendes Arbeitslosigkeitsrisiko in späteren Lebensjahren gegenüber.”

Deutschland müsse, so Schleicher’s Quintessenz, neben dem Ausbau von frühkindlicher Bildung wesentlich mehr Geld in Schulen und Hochschulen investieren. Ausdrücklich plädiert der Experte dabei auch für Studiengebühren:

“Ja, bei einigen ist inzwischen ja auch angekommen, dass Studiengebühren in der Hochschule vielleicht sinnvoller und sozial verträglicher sind als Studiengebühren im Kindergarten, wo wir die Grundlagen für Chancengerechtigkeit legen.”

Man kann sich nur wünschen, dass Bildunsgministerin Annette Schavan dem Vorbild ihrer Kollegin aus dem Familienressort folgt und sich über formale Kompetenzgrenzen hinwegzusetzen bereit ist. Selbst wenn Bildung nach der Föderalismusreform I in noch stärkerem Maße Ländersache ist, hat der Bund die Pflicht, im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe Akzente zu setzen und die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik zu stärken. Dabei ist es allerdings sicher, dass ein solcher Vorstoß mit ähnlichem Widerstand rechnen muß, wie ihn Frau von der Leyen erfahren hat. Frau Schavan, übernehmen Sie!

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