German Winterdienst

Die Netzwelt wird dieser Tage nur von einem Thema beherrscht: Wikileaks. Was machen eigentlich die Menschen ohne Leaks-Zugang? Die haben sich gerade nichts mehr zu sagen. Das Internet spielt mal wieder Gott. Elfriede Jelinek dürfte sich die Hände reiben, hält sie das Netz doch für denselben. Natürlich ist die Aufregung groß und die Welt schockiert über sich selbst. Vielleicht geht man zu weit, wenn man die Enthüllung der Daten mit 9/11, also dem Angriff auf die Twin-Tower in Manhattan am 11. Sepbember 2001 vergleicht. So wie der italienische Außenminister Franco Frattini es in seiner ersten Abwehrreaktion tat. Aber eine Zäsur im Web 2.0-Zeitalter beschreiben diese Veröffentlichungen schon. Das Internet ist erwachsen geworden – so wie im September 2001 das Mobiltelefon etwachsen geworden war.

Eher kurioses Beiwerk aus dem Hype der Enthüllungen

Was bedeutet jedoch so ein Erwachsensein? Es bringt Verantwortung mit sich. Die Verantwortung zu unterscheiden, was gut ist, sich also mit der Allgemeinheit verträgt, und was schlecht ist, also die Freiheit der anderen einschränkt. Das Internet ist eine Dimension von Freiheit, wie sie für uns alle neu ist. Aus heutiger Sicht belanglose Depeschen, wie z.B. die “Emser Depesche“, haben noch Krieg ausgelöst und das ist gar nicht so wahnsinnig lange her. Verglichen damit müßten die aktuellen Wikileaks unseren Planeten auslöschen. Dass sie das nicht tun, ist ein Wert an sich. Auf der anderen Seite wird der 11. September das CIA-Mantra nicht los und bei der jüngsten Preisgabe an Informationen wird sogar vermutet, man wolle den Nah-Ost-Konflikt auf eine Entscheidung hinführen.

Die Netz-Szene beschäftigt an dieser ganzen Thematik aber in erster Linie die Frage, wohin führt das Internet unsere Demokratie? Das ist eine berechtigte Frage. Auch ist fraglich, warum bestimmte Dinge noch von einem Nachrichtenmagazin vorgekaut werden und am Ende der SPIEGEL selbst in Trouble gerät, erst etwas online stellt, dann wieder offline geht und am Ende die Abonnenten auch noch per Email auf eine Verzögerung beim ePaper hinweist, weil die Leaks undicht geworden sind.

Das Netz ist mehr als nur ein Rauchzeichen, es verbreitet Informationen blitzschnell und vergißt auch nichts. Die Befürworter der absoluten Transparenz finden das gut. Aber ist es nicht auch für die meisten Menschen eine Überforderung, sich nach mühsamen Quellenstudium eine abgerundete Meinung zu bilden? Was ist, wenn man aufgrund der Geschwindigkeit gar keine Möglichkeit hat, sich eine zweite Quelle zum Abgleich der ersten und zur Bewertung heranzuziehen? Diese Aufgabe übernehmen in den klassichen Medien wie Presse, Funk/Fernsehen die Redaktionen mit verantwortlichen und ausgebildeten Redakteuren. Aller vielleicht berechtigten Kritik zum Trotz, können wir uns in weiten Teilen Europas und darüber hinaus auf diese “Torsteher der Informationsgesellschaft” (Clemens Wergin) im großen und ganzen verlassen.

Wozu uns die aktuelle Debatte um die Enthüllungen führt, ist im Kern die Frage nach einer möglicherweise zerstörerischen Freiheit. Keine Toleranz der Intoleranz, so ein philosophischer Slogan von Karl Popper. Übertragen auf das Internet führt es mich zu der Frage, ob die absolute Freiheit vielleicht nicht das Potenzial besitzt, die Freiheit an sich als Wert zu zerstören. Das Internet als Tummelplatz für Pedophile, als Werkzeugkasten für Bombenbauer – wie weit darf hier die “Freieheit” getrieben werden? Wenn wir alles aussprechen, was wir denken, haben wir in nullkommenichts keine Freunde mehr. Was für das Privatleben Realität ist, hat auch Relevanz in der Politik. Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass bestimmte Gedanken/Formulierungen unter “vier Augen” bleiben. Dabei geht es nicht um das ganze belanglose Zeug, was jetzt zu Tage gefördert wurde und auf die eine oder andere Charaktereigenschaft von politischen Führungspersönlichkeiten hindeutet. Es geht schlicht um das Zusammenleben von Menschen – weltweit.

Nicht, dass hier einer was falsch versteht: Das Internet ist ein wichtiges Instrument der Demokratie! Als Autor dieses Textes will ich nicht beschnitten werden in meiner freien Meinungsäußerung und auch nicht bei der Durchleitung meiner Gedanken auf das Wohlwollen von Providern (Stichwort Netzneutralität) angewiesen sein. Aber als Inhaber eines an Werten ausgerichteten Gedankengebäudes vermag ich relativ gut einzuschätzen, wie weit ich gehen kann. Wenn irgendwann eine Generation heranwächst, die dieses moralische Korrektiv nicht mehr hat – aus welchen Gründen auch immer – fängt das Internet an, unsere Freiheit aufzufressen. Hier sollten wir einmal drüber nachdenken. Wikileaks sei Dank, ein guter Anlass!

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