“Gesundheitscheck” der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP)

Es klingt ein wenig wie die Ironie des Schicksals: Ein ursprünglich zutiefst durch den (Wochen)Markt geprägter Sektor soll wieder stärker der Marktwirtschaft ausgesetzt werden. Das ist die Kernbotschaft des GAP-”Gesundheitschecks”, den die EU-Agrarministerin Mariann Fischer Boel am 20. Mai vorgestellt hat. Es ist ein weiterer Schritt in Richtung einer Reform, die nur unbeschreiblich schleppend voran kommt. Was ist die Ursache? Die Grundidee des Gewappnetseins gegen den Hunger in Europa, verkam über die Jahrzente zum Milliardengrab für die europäischen Steuerzahler: hochsubventionierte, industrielle und damit in hohem Masse umwelt- und gesundheitsschädliche Massenproduktion bei Tier und Pflanze.

Die Diskussion um explodierende Lebensmittelpreise auf den Weltmärkten, die zu oft ineffizient betriebene Biospritgewinnung und der thematisch allgegenwärtige Klimawandel scheinen wie eine Art Brandbeschleuniger mit Blick auf die GAP zu wirken; ein Brand, den es dringend zugunsten einer ökologisch- und sozialverträglichen Landwirtschaft in Europa zu löschen gilt. Beide Extreme, die industrialisierte Gigantomanie und die Mikrolandwirtschaft laufen einer verträglichen Agrarpolitik zu wider. Es ist nicht vermittelbar, dass ein einzelner Grossbetrieb 300.000 € und mehr an Unterstützung bekommt. Das Argument, dass diese Betriebe aufgrund ihrer Grösse für Arbeitsplätze sorgen, ist bei dem heutigen Technisierungsgrad der Landwirtschaft geradezu hanebüchen. Genausowenig verständlich ist es, wenn ein 5ha-Betrieb die Subventionsverteilungsmaschinerie in Gang setzt. Der Vorschlag der EU-Kommission, einen Teil der “gesparten” Subventionen in sog. Mikrokredite zum Aufbau einer nachhaltigen Landwirtschaft in der Dritten Welt zu nutzen, klingt sinnvoll. Er ist aber auch Zeugnis der Einsicht, dass die bisherige EU-Agrarpolitik mit dem Verschleudern ihrer subventionierten Überproduktion dortige Märkte systematisch zerstört und damit Armut und Hunger erzeugt hat.

Es sind fortan aber nicht nur die Landwirte, die umdenken müssen, sondern auch die Verbraucher müssen ihren Teil zum Gelingen des Umbaus der Agrarpolitik leisten. Eine Lehre für viele Bauern wird sicherlich sein, dass der Markt eben kein statisches System ist, sondern dass man ihn aufmerksam analysieren muss, um dann daraus entsprechend marktfähige Produkte zu entwickeln und zu lancieren. Dieses Wissen zu vermitteln, ist Aufgabe der Landwirtschaftsschulen. Es wird in der Zukunft wie in vielen anderen Branchen auch ein Marketing, das auf Differenzierung setzt, notwendig sein. Das Bewusstsein, dass Qualität Vorfahrt vor Quantität hat, muss sich weiter seinen Weg bahnen. Industrieelle Massenproduktion wird mehr und mehr zu einem Anachronismus. Hier kommt der Verbraucher ins Spiel: Kinder sollten z.B. lernen, dass Milch eben nicht nur aus dem Kühlregal im Supermarkt kommt, sondern dass Entstehung und Logistik ein pomplexer Prozess ist, der die Wertigkeit bestimmt. Die Verbraucher haben es am Ende buchstäblich in der Hand: Zum einen wie viel sie für qualitativ hochwertige Lebensmittel bereit sind auszugeben (in den 1950iger Jahren wurden durchschnittlich noch ca. 50% des verfügbaren Nettofamilieneinkommens für Lebensmittel aufgewendet; heute liegt der Anteil trotz aufwendig hergestellter und nicht gerade billiger Tiefkühlfertigprodukte weit darunter – im Zweifel hat der Flachbildschirm eben Vorrang). Zum anderen kann der Verbraucher mit seinem Kaufverhalten massgeblich auf die Produktionsverträglichkeit Einfluss nehmen. Dazu zählen die Klima- und Ökologieverträglichkeit wie CO2-Bilanz, effiziente Wasserwirtschaft, Landschaftspflege oder Erhaltung der biologischen Vielfalt genauso wie die Art und Weise der Produktion: Arbeitsprozesse, Logistik, biologisch artgerechte Erzeugung etc. Diese Aspekte allesamt könnten eine Art “Schattenwährung” für landwirtschaftlich erzeugte Produkte werden. Die Erzeugung in dezentralen, überschaubaren und vor allem kontrollierbaren Einheiten wäre ein wirklicher Erfolg einer nachhaltigen gemeinsamen EU-Agrarpolitik.

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