Grüne Bürger – bürgerliche Grüne. Wandel durch Annäherung

Jürgen Trittin, einer der prominentesten Grünen nicht erst nach dem Abgang von Joschka Fischer, galt lange als Repräsentant des Fundi-Flügels der Grünen, wie die “Fundamentalisten” im Gegensatz zu den realpolitischen “Realos” gennant wurden. Gar als Bürgerschreck. 5 Mark für den Liter Benzin – das war die Linie des ehemaligen Umweltministers in Niedersachsen, gegen den Helmut Kohl 1998 den Ex-Bild-Chef HH Tietje vergeblich ins Spiel zu bringen versuchte. Wie wandlungsfähig und strategisch begabt Trittin früher war, zeigt ein Blick auf die Karriere des früheren Bundesumweltministers. Doch auch heute noch ist Jürgen Trittin einer der agilsten Grünen Vordenker. Sein heutiges Interview in der FASZ (nicht taz!) zeigt, wie geschickt Trittin einstige ideologische Barrieren – hüben wie drüben – rhetorisch erledigt. Jüngster Coup: Die Reklamation des “Bürgerlichen” sei eine groteske Anmaßung von Union und SPD. Bürgerlich, so der Umkehrschluß, sind eigentlich die Grünen.
Vordergründig ist dies natürlich vor allem gegen die FDP gerichtet, mit der sich die Grünen bereits seit einiger Zeit ein Gefecht um das Attribut der “Bürgerrechtspartei” liefern. Doch es steckt mehr dahinter: Behutsam bereitet Trittin auf diese Weise den Boden für politische Optionen mit der Union. Diese sind vor allem für Grüne Mitglieder derzeit noch schwer vorstellbar, wie Trittin im Hinblick auf Äußerungen des Bundesinnenministers bestätigt.

Gerade Wolfgang Schäuble weiß, dass sein Lob uns Grünen vor allem schadet; unsere Wähler mögen das nicht.

Ein unverkrampfter Umgang mit Bürgerlichkeit ist daher eine der Hauptvoraussetzungen für Schwarz-Grüne Zusammenarbeit, die Trittin übrigens seit drei Legislaturperioden zumindest auf lokaler Ebene in seinem Wahlkreis Göttingen ganz pragmatisch mitgeprägt hat.

Was Schwarz-Grün als grundsätzliche Machtoption für meine Partei angeht, so sehe ich schon seit zehn Jahren kein Problem darin. Es geht immer um die Umsetzung politischer Inhalte.

Und diese sind unter Angela Merkels Führung deutlicher an den gesellschaftlichen Realitäten als an politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Wunschvorstellungen orientiert als unter füheren Unionsführern. Selbst die CSU kann – wie das Beispiel der Betreuung von unter Dreijährigen zeigt – nur begrenzt Widerstand gegen diesen Kurs leisten.

Und der ist gefährlich für alle Parteien links von der Mitte. Kurt Beck kann davon ein Lied singen, ist er es doch, der nach dem plötzlichen Abgang seines Vorgängers Platzeck die Folgen der anpassungsfähigen Merkel-Politik zu spüren bekommt. Auch die Grünen sind potentiell davon bedroht, was Trittin spürt und was ihn zu Gegenangriffen animiert: Je häufiger die vermeintliche Wahrscheinlichkeit zukünftiger Dreierbündnisse im Bund betont wird, desto größer wird sie. Trittin weiß, dass für viele Bürger die wertkonservative Funktion der Umweltpolitik von Wichtigkeit ist. Frontalopposition gegen eine beliebte Kanzlerin vertieft das Vertrauen in ihre diesbezüglichen Fähigkeiten und erhöht die Gefahr einer Regierungsmehrheit aus CDU und FDP. Dagegen wird die Suche nach wählbaren Partnern für die Wähler der Union wichtiger, wenn sie fürchten müssen, dass es für Schwarz-Gelb wieder nicht reichen könnte.

In dieser Konstellation kann es für die Grünen überlebenswichtig sein, bürgerlich (und) attraktiv anstatt fundamentalistisch (und) ideologisch verbohrt zu sein. Jürgen Trittin hat genau diese Gefahr im Auge! Und hat sich folgerichtig gerade der FASZ anvertraut. Fortsetzung folgt bestimmt!

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