Gutmenschen am 3. Oktober

Boris Grundl

Diktatur der Gutmenschen lautet der Titel eines Buches von Boris Grundl. Darin setzt sich der Gründer einer führenden deutschen Leadership-Akademie mit dem Mechanismus auseinander, der vermeintlich starke Menschen dazu verleitet, sich auf Kosten Schwacher zu profilieren. Neben Eltern, die ihre Kinder zur Unselbständigkeit erziehen und Lehrern, denen es nicht darum geht, selbstbewusste und urteilsfähige Schüler auszubilden, sind für Grundl auch Unternehmer, Gewerkschafter und Politiker gefährdet, sich zum Diktator-Gutmensch aufzuschwingen. Wie Recht er damit hat, zeigt sich an diesem 3. Oktober, dem 20. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands: Eine bemerkenswerte Rede Joachim Gaucks hat auf der Linken einen Sturm der Entrüstung entfacht. Auf der anderen Seite wurde die Rede fast totgeschwiegen. Bedauerlicherweise ist sie bis dato nicht im Wortlaut veröffentlicht und hier oder hier nur in Auszügen dokumentiert. Ob dies daran liegt, dass Gauck wieder einmal das Zutreffende von der falschen Seite gesagt hat?

»Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten.«

Zwar sei es »unmenschlich, Schwachen etwas abzuverlangen, was sie total überfordert und es ist unbarmherzig, ihnen die erforderlichen Hilfen zu verweigern«, sagte Gauck. »Aber es ist auch gedankenlos und zynisch, so zu tun, als könnten alle die Menschen nichts tun, die im Moment nichts haben.« Gauck ist mit seiner Rede der im Zuge der Hartz IV-Debatte unter Druck geratenen Koalition aus CDU und FDP zur Seite gesprungen. Jener Koalition, die er mit seiner von Rot-Grün unterstützen Kandidatur gegen Christian Wulff als Bundespräsidenten schwer in Bedrängnis gebracht hat. Da war es schon pikant genug, dass Gauck auf Einladung des Abgeordnetenhauses und des Regierenden Bürgermeisters von Berlin just einen Tag vor seinem früheren Konkurrenten und heutigen Bundespräsidenten zum Thema »20 Jahre Wiedervereinigung« sprach. Ihn, der wie es die ZEIT formulierte rhetorisch so viel freier aufgetreten ist, da auch noch inhaltlich zu loben, hätte den Kontrast nur noch verstärkt. Also schweigt die schwarz-gelbe Koalition, wo sie eigentlich reden müsste: »Seht her, Rote und Grüne, euer Kandidat sagt, was wir inhaltlich für richtig halten
Das Notwendige opportunistisch verschweigen. Boris Grundl nennt es Gutmenschentum. Und das gibt es rechts, wie links, hüben wie drüben.

Interessant finde ich, dass ausgerechnet die BILD gegen den Strich bürstet und die Definition des Gutmenschen-Begriffs hinterfragt, als sie über Joachim Gauck berichtet.

Zur Herkunft des Begriffes gibt es wenig konkrete Belege. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass der Begriff aus dem Amerikanischen ins Deutsche übernommen wurde. Dort ist der aus dem 18. Jahrhundert stammenden Begriff der political correctness in den späten 1980er Jahren ausgehend von den US-Universitäten zunehmend zu einem rhetorischen Kampfbegriff zwischen links und rechts im politischen Spektrum geworden. Gutmenschentum beschreibt demnach für viele Deutsche, was Politically Correct People von ihren Gegner in den USA vorgeworfen wird. Die Definition von Boris Grundl ist überzeugender.

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1 Kommentar

  1. Du hast ja vollkommen recht damit, dass Gauck eine Rede gehalten hat, in der er viele Wahrheiten für jeden verständlich ausgesprochen hat. Ich habe bis jetzt in SPD Reihen niemanden gehört, der dem widerspricht. Es ist doch genau das, was z. B. Sigmar Gabriel angeführt hat, als er gegen die Thesen des Tilo S. gewettert hat. Natürlich müssen wir von den Menschen die wir am unteren Rand der Gesellschaft sehen mehr Eigeninitiative erwarten. Die Zeiten in denen die Sozis allen alles abnehmen wollen, um es dem Staat zu überlassen, sind ja nun schon viele Jahrzehnte vorbei. Auch auf der linken Seite ist ja lange schon klar, dass ohne eine gehörige Portion Eigenverantwortung nichts geht. Die Herausforderung liegt doch darin, diesen Menschen die Möglichkeiten zu geben, diese Eigenverantwortung zu übernehmen. Auch das hat Gauck deutlich gesagt und dafür habe ich auch wieder einmal fest gestellt, dass er eben wirklich der besserer Bundespräsident gewesen wäre.

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