Hindukusch ante portas

Wie halten es die Deutschen mit der Welt? Die Antwort auf diese Frage ist noch nie leicht gefallen. Ein Land mit so vielen Nachbarn, mit so einer Wirtschaftskraft und so einer Geschichte, kann kein Neutrum in einer multipolaren Welt sein. Welche Gradwanderung hier vollzogen werden muss, zeigt die jüngste Debatte um die Einsetzbarkeit unseres Friedensheeres, das in Afghanistan keinen Krieg führt, sondern einen Stabilisierungseinsatz leistet. Es ist mehr als berechtigt, nach den Maßstäben für solcher Art Einsätze zu fragen – so wie es der Philosoph und Buchautor Richard David Precht (die Diskussion darüber wurde u.a. auch im TSP aufgenommen) in einem SPIEGEL Essay in der Ausgabe 32/2009 tut.
Ging der Krieg auf dem Balkan „in Ordnung“, weil er vor der Haustür stattfand? Das widerspricht der „Logik“ eines früheren Verteidigungsministers, der kühn behauptete „Deutschlands Sicherheit fängt am Hindukusch an“. Okay, er musste damals ein Ventil finden für die Diskussion, die seinerzeit sein Chef auslöste, indem er im Wahlkampf 2002 den USA jegliche Unterstützung in Sachen Irak verweigerte. Es gibt aber auch Baustellen oder besser „Brände“ in Afrika (Dafour, Somalia, Kongo, Ruanda) in Asien (Nordkorea) und wer weiß wo. All diese Regionen, in denen ebenfalls Menschenrechte mit Füßen getreten werden, kommen für einen Einsatz (noch) nicht in Frage. Die Krux ist folgende: Hält sich Deutschland ganz raus wird es auf der internationalen Bühne geschnitten. Laufen Deutsche Soldaten überall mit, gibt`s Rabatz im Innern. Ein weiterer Akt in dieser (leider) zu führenden Sicherheitsdiskussion ist die jüngste Debatte um eine mögliche Grundgesetzänderung in Sachen Bundeswehreinsatz. Ist es wirklich so, dass die deutschen Soldaten bei der „Hansa Stavanger“ nur mit schippern, aber nicht Besatzung und Schiff befreien durften, klingt das geradezu wie ein schlechter Witz. Zumal die Besatzung über die „Goldjungs“ in höchsten Tönen spricht.
Eines bleibt aber festzuhalten: kein deutscher Soldat ist es Wert, dass auf den Opiumfeldern am Hindukusch sein Leben explodiert. Am deutschen Wesen wird die Welt nicht genesen, auch das ist eine historische Lehre. Ernüchternd muss man Precht zustimmen: „Aber selbst wenn Deutschland 100.000 Soldaten nach Afghanistan schickte, dazu Lehrer und Kindergärtner, Polit-Profis, Poeten, Propheten und Professoren, wenn wir jeden bärtigen Krieger, dessen wir habhaft werden können, in ein Ent-Talibanisierungslager schickten und ihm Röpke und Eucken erklären, Habermas und Dahrendorf vorlesen – selbst dann wären die Erfolgsaussichten gering.“ Trotz der Brisanz des Themas, für das derzeit keiner eine Patentlösung vorhält, dürfte die nächste Bundestagswahl innenpolitisch gewonnen bzw. verloren werden.

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