Höhen und Tiefen in der Politik

So schnell kann es gehen: eben noch am Boden zerstört durch unvorstellbare Stümperei und gegenseitige Missgunst, scheint die Hamburger SPD seit der Ankündigung von Michael Naumann, als Spitzenkandidat der Elb-Genossen gegen den populären Bürgermeister Ole von Beust anzutreten, alle Sorgen über Bord geworfen zu haben. Ein Schwergewicht, dieser Michael Naumann, ist allerorts zu hören. Eloquent und Anspruchsvoll, weltläufig und telegen. Kann da im roten Stammland der Schmidts und Wehners, der Apels und der Fuchs’, der Dohnanyis und der Kloses noch etwas schiefgehen? Der verduzte Beobachter reibt sich ungläubig die Augen. So ist Politik. Undurchschaubar und überraschend. Beim näherer Betrachtung ist der Befund dann schon etwas nüchterner.
Gewiß. Ole von Beust hat nun einen ernst zu nehmenden Gegner. Die Wahl ist wieder offen, nachdem sie über die Querelen der SPD-Funtionäre schon fast zum Selbstläufer für die Union geworden war. So paradox dies aber klingt: Es ist vor allem gut für von Beust!

Wie trügerisch die Aussicht auf einen sicheren Wahlsieg sein kann, hat in Hamburg 1997 Henning Voscherau erfahren. Noch deutlicher wurde es im Wahlkampf von “Alpen-Titan” Wolfgang Schüssel im vergangenen Jahr: Wenn es keinen ernst zu nehmenden Gegner zu geben scheint, werden die Wahlkämüfer bequem und selbstgefällig. Die Quittung kommt für sie zu spät – nach Schließung der Wahllokale. Da kann es für die ja eben auch nicht völlig ausgeglichene CDU nur gut sein, wenn sie aus dem verfrühten Siegestaumel auf den Boden der Tatsachen geholt wird. Aber sonst?

Michael Naumann hat sich in die Pflicht nehmen lassen für seine SPD. Er konnte es sich leisten. Andere ernst zu nehmende Alternativen haben dankend abgelehnt – dass Henning Voscherau nach den Erfahrungen der letzten Jahre auch wieder dazu gezählt wurde, gibt einiges über den unberechenbaren Zustand der Hamburger SPD preis! Ex-Innensenator Olaf Scholz ist gerade dabei, seine Position im Bund für die Zeit nach Beck und Müntefering zu festigen und verspürte wenig Neigung auf ein neuerliches Wagnis gegen von Beust. Auch der Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft, Michael Neumann (sic!) war zu wenig Hasardeur, um mit sich angesichts zahlreicher Heckenschützen auf die wackeligen Strukturen in der SPD zu verlassen, ohne die ein erfolgversprechender Wahlkampf gegen von Beust unmöglich zu meister sein würde.

Anders Naumann: Er hat wenig zu verlieren. Karriere muss er nicht mehr machen. Materiell unabhängig ist er ebenfalls. Und sein großes Plus wirft er als Quereinsteiger selbst in die Waagschale: Erfahrung in Wirtschaft und Politik auf internationaler Ebene. Vorausgesetzt er vermeidet peinliche eigene Fehltritte wie er sie gegen die gegen Michel Friedmann ermittelnden Staatsanwälte öffentlich kundgetan hat, wird seine Kandidatur mindestens respektabel bleiben. Natürlich hofft er selbst auf die auch nicht auszuschliessende Sensation, zumal auch die CDU in Hamburg nicht ohne innerparteiliche Skandale und Fehden auszukommen pflegte.

Somit läuft alles auf ein echtes Duell Naumann gegen von Beust heraus. Dass dabei die Aussichten für den Amtsinhaber doch günstiger stehen als viele denken, ist sogar Naumann selbst zu verdanken: Er kündigte an, im Wahlkampf auf die Hilfe von Altkanzler Gerhard Schröder zu bauen. Das wird die CDU freuen, weil sie weiß, dass Schröder mit seinem ungenierten Geschäftsgebahren nach dem Amtsverlust auch in Hamburg viele Sozialdemokraten verstört hat. Doch auch für die CDU gilt: Höhen und Tiefen liegen in der Politik nahe beieinander…

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1 Kommentar

  1. Dir ist schon bewusst, dass Trackbacks schicken ohne Verlinkung, profaner Spam ist, oder?

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