Im Aufzug

Weise Worte im Juni 2011 - Journalisten mögen keine Enttäuschungen

Die Menschen im Land können es kaum noch hören. Wulff und die BILD. Als ob es keine drängenderen Probleme gebe, fragen sich Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher beim Gespräch über den Gartenzaun. Nun ist dies kein Blog für Lieschen oder Otto. Die fette-henne.info ist ein Blog über Hintergründiges in der Politik. Die Gefahr, unsere Stamm-Klientel zu nerven, besteht also nicht. Und selbst wenn: inzwischen gibt es in diesem Land tatsächlich nichts Wichtigeres. Denn es geht um das Selbstverständnis der Presse. Oder um den Aufzug.
Gerade in diesen Tagen wird immer wieder das Zitat von Mathias Döpfner, dem nun “plötzlich” auch “bedrohten” Chef des Springer-Verlags, bemüht: wer mit BILD im Aufzug hoch fährt, fährt auch mit BILD wieder hinab.

Fakt ist: BILD ist in dieser Frage das Leitorgan, der deutschen Medien. BILD bestimmt die Schlagzahl und ganz sicher beabsichtigt BILD auch, Bundespräsident Wulff in den Aufzug nach unten zu schieben. Der wehrt sich allerdings, so dass BILD die Hilfe der “geschätzten Kollegen” in Anspruch nahm. Was das eigentlich Verstörende an dieser Affäre ist.
Angesichts der Dimension des Falles – immerhin versucht BILD seit nun bald vier Wochen das von der Bundesversammlung gewählte Staatsoberhaupt an-, bzw. abzuschießen – verwundert es doch sehr, dass so gut wie keine Redaktion das Verhalten des Springer-Flagschiffes kritisch hinterfragt. Im Gegenteil: BILD bekommt Unterstützung auch von Medien, die gewöhnlich auf der anderen Seite der Qualitätsskala und des politischen Farbenspektrums beheimatet sind. Sogar der Doyen der deutschen investigativen Journalisten, Hans Leyendecker, gibt sich dazu her, ins gleiche Horn wie BILD zu tröten: “das tut man nicht als Bundespräsident,” lautete seine Botschaft an Wulff. Und über ihn höhnte er: “dem Amt nicht gewachsen”. Ausgerechnet er, der sich journalistisch stets damit brüstet, sich vor niemandes Karren spannen zu lassen, gibt sich jedoch her für einen unterstützenden Angriff, ohne den vollen Wortlaut der Abschrift des inzwischen zum Hauptstreitpunkt avancierten “Droh-Anrufes” zu kennen. Er habe auch nur “Auszüge” gesehen, sagt er.
Warum habe ich das Gefühl, dass hier des Pudels Kern vermutet werden darf? Oder deutlicher: Welchen “Fehler” könnte Bundespräsident Wulff begangen haben, dass ihn nun so ziemlich das versammelte Pressekorps auf’s Korn genommen hat? Ein angesichts der ursprünglichen Vermutung (Maschmeyer) ziemlich harmloser Privatkredit bei einem alten Freund aus Osnabrück? Da steckt mehr dahinter, wähnt der kritische Beobachter und rekapituliert: was könnte Wulff gesagt haben? Oder: was könnte er nicht gesagt haben??
Was hat er überhaupt gesagt? Das letzte wirklich große Interview des Bundespräsidenten stammt vom Juni 2011. Dmals hat er aus Anlass des Jahrestages seiner Wahl Giovanni di Lorenzo von der ZEIT ein Interview gegeben. Der ZEIT? Was sagt die ZEIT eigentlich zur aktuellen Geschichte? Sie ist unter den “großen Titeln” noch ziemlich zurückhaltend. Sollte das etwas zu bedeuten haben? Immerhin wurde di Lorenzo damit neben der Guttenberg-Dokumentation eine weitere sehr seltene Ehre zuteil: ein Gespräch mit dem Bundespräsidenten.
Ein Bundespräsident übrigens, dem selbst linke Titel wie die taz ausdrücklich bescheinigt haben, dass Wulff über erheblich mehr Statur verfügt, als andere ihm zugestehen wollen, und dem ausweislich des ZEIT-Interviews ziemlich klare Vorstellungen vorschwebten dessen, um was es gegenwärtig geht. Er hat die Probleme, vor denen wir stehen, klar benannt. Und er sagt, aus welchen Gründen sich das Verfassungsorgan “Bundespräsident” aktuell nicht einmischt, obwohl es den “Politiker Wulff” umtreibt: ihm könnte Befangenheit vorgeworfen werden, wenn er den parlamentarischen Prozeß etwa der EURO-Gesetzgebung im Bundestag kommentiert. Sprich: er würde sich seinen ohnehin geringen Handlungsspielraum bei der verfassungsgemäßen Prüfung auszufertigender Gesetze weiter einengen. Was er nicht will.
Nicht so deutlich, aber zwischen den Zeilen klar vernehmbar ist eine zweite Sorge: ohne Grund in eine Konfrontation zur Bundesregierung zu geraten. Wer sich anschaut, welche Meldungen aus Reden des Bundespräsidenten im abgelaufenen Jahr entstanden sind, gewinnt ein Gespür für diese Sorge: “Wulff kritisiert Merkel” lautete nicht nur einmal die Headline, obwohl sich die jeweilige Rede zum Teil mit ganz anderen Aspekten beschäftigte. Selbst das besagte ZEIT-Interview, wurde entsprechend ausgeschlachtet: aus allem, was Wulff in dem Gespräch sagte, blieb im Medien-Mainstream vor allem eines hängen: Wulff rügt Merkels Atom-Wende. Man mag es bedauerlich finden, wie wenig manche Parlamentarier verfolgt haben, dass Wulff in jenem Gespräch gerade auch in ihrem Sinne das Wort ergriff. Als ehemaliger Parlamentarier für aktive Parlamentarier.

Bricht eine Lanze für das Parlament: Christian Wulff im ZEIT-Interview

Dieses Interview war also das letze große Interview, das der Bundespräsident der schreibenden Presse gewährt hat. Und sieht man vom Sommerinterview mit Bettina Schausten ab, war es auch das letzte große Interview überhaupt bis zu diesem 3. Januar 2011.
Nun könnte es ja sein, dass Wulff in seiner Amtsführung tatsächlich so “unauffällig” gewesen wäre, dass keine andere Redaktion überhaupt um ein Interview mit dem Bundespräsidenten nachgefragt hätte. Ein Blick zwischen die Zeilen des ZEIT-Interviews verrät jedoch, dass es eher anders war: Wulff wirbt geradezu um Verständnis, dass er nicht alle Medienanfragen erfüllen kann!
Die Medien wollen und sollen ihrer Rolle als “vierte Gewalt”, als Kontrollinstanz der Politik gerecht werden. Würde sich dann eine so intensive Befassung mit einem objektiv tatsächlich wenig machtvollen Organ wie dem Bundespräsidenten lohnen? Zumal, wenn er doch “so farblos” wäre, wie es aktuell Christian Wulff unterstellt wird? Würde es sich dann lohnen, auf diese Geschichte soviel Energie und Geld in Form von Recherchekapazitäten zu verwenden, wie es mehrere Redaktionen seit Monaten tun, anstatt die Regierung zu begleiten, wo so viel zu tun ist – und wo so viel verbesserungsfähig, also kontrollbedürftig wäre? Euro, Afghanistan, Atomausstieg, Gesundheit, Rente? Eher nicht!
Was passiert aber, wenn dieser Kontrollauftrag in einen Gestaltungsanspruch umgeschlagen wäre? Wenn tatsächlich Politik gemacht werden soll, anstatt über sie zu berichten? Wäre dann ein Bundespräsident immer noch so uninteressant, dass niemand um ein Interview nachfragt? Um ein Interview, mit dem man die Bundeskanzlerin und ihren politischen Kurs vorführen und Unruhe im Regierungshandeln schüren kann? Und was, wenn ein politischer Präsident dieses Spiel durchkreuzen sollte, indem er sich rar macht und schweigt. Damit die gewählten Volksvertreter und die vom Bundestag gewählte Regierung zumindest einigermaßen in Ruhe ihrer Arbeit nachkommen können? Wenn sich also ein Bundespräsident nicht politisch instrumentalisieren lässt?
Dann könnte man versucht sein ihn mithilfe interessierter Kollegen in den Aufzug nach unten zu schieben! Und zum Beispiel eine an sich harmlose Sache aufblasen. In der Absicht zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Bundespräsident weg und Regierung in Nöten. Wir wissen nicht, ob jemand angefragt hat. Aber es könnte ja sein. Wer aber schiebt und nicht aufpasst, landet selbst im Aufzug. Mit allen Kollegen. Ohne Bundespräsident!
Soviel steht jetzt schon fest: der Aufzug im Axel Springer Hochhaus fährt wieder mal nach unten. Was wir noch nicht wissen: wer steckt drin?

PS: A propos taz. Es war übrigens auch die taz, die in Person von Ulrich Schulte sehr deutlich die Kritik der Facebook-Seite “Mahnung an die Presse” widerspiegelte und die Anmaßung der BILD kritisiert. Sonst: Schweigen im deutschen Blätterwald.

Zweiter Nachtrag: Ein weiterer Medien-Akteur bekommt langsam “klate Füße, wie Henrik Bröckelmann in seinem Blog über Jörg Schönenborns Warnung an die Medien beim DLF-Festakt schreibt.

Nachtrag Nummer drei: In einem lesenswerten Beitrag zum Thema Politiker und Journalisten von Richard Gutjahr habe ich zur Sache kommentiert.

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