Immer rein in die Gute Stube!

Der Wahlkampf kommt auf Touren! Koalitionsarithmetik überall: wer mit wem wie lange und unter welcher Führung. Auch Themen hat der Wahlkampf inzwischen, wenn auch manche tragischen, wie der NATO-Angriff auf Anforderung der Bundeswehr. Und Bilder! Schöne Bilder, nach allen Regeln der Kunst arrangiert. Hier hat endlich mal die CDU einen emotional und damit politisch hoch wirksamen Spot ins Rennen geschickt: “TV-Spot II” lautet das wirklich gut gemachte Stück, was mir allerdings die Frage auf die Stirn malte: Darf sie das? Im Kanzleramt einen Parteiwerbespot drehen??
Der Spot, bei dem selbst professionelle Beobachter mit sozialdemokratischer Kinderstube anerkennend Beifall klatschen, wie Robin Meyer-Lucht, der bei Peter Glotz seine Sporen verdient hat, ist handwerklich sehr gut gemacht.

“Von Reagan lernen, heißt siegen lernen”, lauten die Kommentare. Und es ist richtig: Ex-US-Präsident Ronald Reagan hat es meisterhaft verstanden, politisiche Botschaften emotional zu verpacken. Doch er war nicht der Erfinder. Wie Drew Westen, Psychologe und Autor des Buches “The Political Brain” zeigt, haben auch Demokraten vor Barrack Obama schon verstanden, die richtigen neuronalen Netzwerke zu stimulieren und politische Siege davon zu tragen. Sein Beispiel von Lyndon Johnson ist überzeugend.

Für mich ist nicht die emotionale – durch aus auch mich ansprechende – Bildsprache das Bemerkenswerte an dem Clip. Es ist das Setting! Das Kanzleramt als Schauplatz eines Wahlwerbespots?!?
Kein Bürgermeister darf sich zur Wiederwahl an seinem Schreibtisch filmen oder auch nur fotografieren lassen. Er riskiert die Annullierung der Wahl. Zugegeben, am 27. September geht es nicht um irgendein Bürgermeisteramt. Und Angela Merkel wird auch nicht direkt vom Volk, sondern aus der Mitte des Bundestages gewählt (wenn Sie wie zu erwarten gewählt wird). Doch stutzig macht mich die Selbstverständlichkeit schon, mit der die CDU-Vorsitzende und 8. Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland das Filmteam für diesen sicher nicht im Interesse von Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier gedrehten Spot in die Chefetage des Kanzleramtes geholt hat.
Steinmeier selbst und der SPD ist wohl auch zuzutrauen, dass sie die letzten Tage der Regierung Schröder und die Schlüsselgewalt in der Willy-Brandt-Straße 1 für Oscar-reife Szenen mit allen damals in Frage kommenden potenziellen Kanzlerkandidaten genutzt haben und in kürze aus dieser “Vorratsdatenspeicherung” einen eigenen siegbringenden Film präsentieren (immerhin ist kein geringerer als Kajo Wasserhövel ja Wahlkampfleiter. Und Kajo, das wissen Profis spätestens seit der Europawahl, ist für allerhand Überraschungen gut).
Nein, was ist mit Guido Westerwelle und Gregor Gysi? Was mit Jürgen Trittin und Renate Künast? Sie sind alle veritable Spitzenkandidaten und haben bereits an anderer Stelle ihren Anspruch auf Gleichbehandlung reklamiert. Kaum vorstellbar, dass die Kanzlerin die Crews und Komparsen ähnlich freudig winkend wie das junge Mädchen im Kanzlerfoyer begrüßen wird. Mit einem herzlichen “nu ma rin in die jute Stube” ?!?

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