In zweifelhaftem Licht

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Das peerblog schlägt immer höhere Wellen. Nun kommt heraus, dass der Betreiber, ein früherer Redakteur des Focus im Landesbüro Düsseldorf, sich als Lobbyist verdingt hat, der Unternehmen half, sich “in Ministerien zu positionieren”. Damit bekommt der Begriff “Unabhängigkeit” eine neue Qualität: wird hier Wahlkampfhilfe als Vorleistung für einen bevorzugten Zugang zum Kanzleramt unter Steinbrück betrieben?
Es spricht allerdings einiges dafür, dass dieser Einzug fraglich ist, wenn das Management der Kampagne und des Kandidaten Steinbrück nicht professioneller und vor allem effizienter wird. Das peerblog-Beispiel wirft gerade in dieser Hinsicht viele Fragen auf. Entweder ist Peer Steinbrück schlecht beraten, oder er ist tatsächlich beratungsresistent. Nach den Erfahrungen rund um die Honorar-Affäre ist gerade letzteres besorgniserregend. Will sich Deutschland einen Bundeskanzler leisten, der beharrlich Interessenskonflikte übersieht und selbstherrlich handelt? Genau danach sieht es jedoch aus.

Schaut man sich die Gratis-Blog-Affäre an, dann fallen zunächst zwei Aspekte auf: ein schillernder Agenturbetreiber und Ex-Journalist beginnt unter grossem Tamtam damit, ein Jubel-Blog für den Kandidaten aufzusetzen. Dass er denselben Kandidaten nur wenige Monate zuvor als teamunfähig und unsolidarisch charakterisiert hatte, hindert ihn nicht daran. Im Gegenteil: es scheint ihm wichtig, auf die enge Verbindung “zum Peer” hinzuweisen: der kenne das Konzept, habe es sich vorstellen lassen und der Verwendung seines Namens zugestimmt.

Das Konzept

Das Peerblog ist angetreten, den politischen Internetwahlkampf in Deutschland zu revolutionieren. “Die deutsche Politik hat (bisher) nicht begriffen, wie es geht,” tönt es im Editorial. “Wir versuchen was.”
Und weiter heisst es:

Wir haben Peer Steinbrück gefragt, ob wir für ihn bloggen dürfen. Wir haben ihm unser Konzept präsentiert. Wir haben gezeigt, wie in den USA politische Kommunikation tagesaktuell betrieben wird. Wir haben an die arabischen Revolutionen in Tunesien, Libyen und Ägypten erinnert, die ohne Blogs und Internet und die daraus resultierende weltweite Unterstützung niemals gelungen wäre.

Das muss Peer Steinbrück geschmeichelt haben. Die weltweit grössten Beispiele für demokratische Erfolge der jüngeren Vergangenheit in einem Atemzug mit seinem Wahlkampf!
Offensichtlich hat jedoch weder Steinbrück noch sein Team im Willy Brand Haus einen näheren Blick darauf geworfen, ob die Jubel-Blogger wirklich wissen, was sie tun. Doch ausser wortgewaltiger, aufreizend selbstbewusster Sprache scheint nicht viel Kompetenz versammelt zu sein. Wie sonst hätte es passierem können, dass als Vorbilder allesamt Kampagnen und Initiativen ins Feld geführt werden, die gerade nicht das Resultat elitären Maezenatentums sind?
Das peerblog ist eine Kopfgeburt weniger und wird finanziert durch eine Handvoll Großspenden im geschätzt sechsstelligem Bereich (SPIEGEL). Sich vor diesem Hintergrund auf die Kampagnenstrategie von Barack Obama zu berufen, ist beinahe dreist: Obama hat es verstanden, seine Kampagne zu einem bisher nicht für möglich gehaltenem Anteil auf KLEIN-Spenden zu stützen. “Donate $ 3 or more” lautete die Bitte, die über zehntausende Unterstützer ins ganze Lamd getragen wurde und die das Rückgrat der Obama-Kampagne bildete – und bis heute bildet. Auch die Initiativen des Arabischen Frühlings sind vor allem eines: keine Produkte von Kommunikationsagenturen! Es handelt sich grundsätzlich um typische Grassroots-Bewegungen. Das peerblog dagegen ist nichts anderes als Astro-Turf, also unnatürlicher Kunstrasen!

Das Management des Kandidaten

“Wie kann es sein, dass dies dem Beraterteam von Steinbrück nicht aufgefallen ist”, fragen sich mittlerweile erfahrene Hauptstadt-Journalisten. Ist Steinbrück tatsächlich so schlecht beraten, wie es den Anschein hat? Wohl kaum. Sowohl Sprecher Michael Donnermeyer als auch Kampagnenleiter Heiko Geue sind erfahrene Profis. Ihnen wäre nicht entgangen, dass der ehemalige Journalist Steinkühler sich mit seiner Kommunikationsagentur als Lobbyist verdingt. Eine Gefälligkeit im Wahlkampf als Vorleistung für Zugang ins Zentrum der Macht?
Wahrscheinlicher ist es, dass Steinbrück sich in dieser Frage nicht mit seinen Beratern abgestimmt hat. Wo auch immer er sich das Konzept hat vorstellen lassen: vieles spricht dafür, dass er einsam entschieden und seine Berater erst nachträglich informiert hat. Das würde auch erklären, warum sich Steinbrück und sein Team öffentlich widersprechen: Während der Kandidat vor Journalisten in London erklärt, die Geldgeber seien ihm nicht bekannt (eine Linie, die mit dem Blog-Betreiber übereinstimmt), heisst es von Steinbrück-Sprecher Donnermeyer: Unterstützer sind Steinbrück bekannt.
Das Krisenmanagement der SPD erweist sich einmal mehr als dürftig – und ihr Kandidat erscheint erneut in zweifelhaftem Licht.

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