Intellekt auf der Suche nach Anerkennung

Polit-Blogger – will er genannt werden, nicht Spin-Doctor. Und doch ist er genau das. Ein Spin-Doctor in eigener Sache. Michael Spreng versucht, sich in eigener Sache ins Gespräch zu bringen. Und es gelingt ihm! Sein Blog “Sprengsatz!” hat es binnen weniger Wochen zu einem der bekanntesten deutschen Blogs gebracht. Jüngstes Beispiel ist aber sein Interview auf cicero-online, wo Spreng tiefe Einbicke gewährt: Er ist gescheitert, weil er nach seiner Entlassung las BamS-Chef keine passende Anschlussofferte bekam und dann der Versuchung nicht widerstehen konnte, mit Stoiber zu schaffen, was sein Antipode Hans-Hermann Tiedje (Spreng: “Den Vergleich lehne ich ab!”) 1998 mit Helmut Kohl nicht gelang. Dies war auch für Spreng der Scheitelpunkt: Seitdem ist Spreng als Journalist nicht mehr zurückgekehrt. Wie sehr ihn dieser Umstand zu schaffen macht, ist spürbar bei der Betrachtung der Schilderung dieser Begebenheit im Arte-Feature mit Uwe-Karsten Heye. Spreng ist verbittert!
Das ist teilweise nachvollziehbar angesichts der teilweise klaren analytischen Sequenzen, die Spreng in diesem insgesamt sehenswerten Feature offenbart. Allerdings ist Spreng nicht nur gesegnet mit einem scharfen Intellekt, der zutreffend zu differenzieren weiss und genau beobachtet (etwa wie sich das Verhalten angestellter Top-Manager im Unterschied zu jenem von Inhaber-Unternehmern gegenüber Spitzen-Politikern unterscheidet). Spreng ist auch geschlagen mit einer Sehnsucht nach Anerkennung, die ihn immer wieder das Offensichtliche betonen lässt:

In meiner Zeit als politischer Korrespondent und als Chefredakteur lernte ich alle namhaften Politiker Deutschlands kennen, traf mich regelmäßig mit ihnen und baute zu vielen ein Vertrauensverhältnis auf. Nach meinem Ausscheiden beim Springer-Verlag machte ich mich selbstständig – als Medien- und Kommunikationsberater. 2002 berief mich der CDU/CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber zu seinem Wahlkampfmanager und Chef des 10-köpfigen Stoiber-Teams. In dieser Funktion gehörte ich auch dem obersten poltischen Führungsgremium der CDU/CSU an – dem Team 40+.

Heye hat nie darauf hinweisen müssen, welchen Gremien er angehörte. Es war klar: Er gehört dazu und hatte Einfluß. Selten sah man etwa Uwe-Karsten Heye so oft in der ersten Reihe sitzen, wie Spreng in seiner Zeit als Wahlkampfberater von Stoiber.

Spreng will gesehen und gehört werden. Das ist zutiefst menschlich. Ob es jedoch klug ist, als Reaktion auf Zurückweisung bzw. Nicht-Berücksichtigung für höhere Aufgaben so offen und ungeschützt über fühere Auftraggeber zu reden, wie Spreng dies tut (nicht nur, aber auch sehr deutlich in seinem Blog), bleibt dahingestellt.
Auch sonst ist Spreng bemerkenswert opportunistisch, wenn er über die Spitzenkandidaten klagt

“die eine, Angela Merkel, will keinen Wahlkampf machen, und der andere, Frank Walter Steinmeier, kann keinen Wahlkampf. Und die Medien machen das traurige Spiel mit. ZDF, ARD und RTL fangen sich widerstandslos mit ihren Wahlsendungen ein Quotendesaster nach dem anderen ein, und, wen wundert´s, “Kanzlerkandidat” Horst Schlämmer bei “Markus Lanz” sahen dreimal so viele Zuschauer wie Steinmeier bei RTL.”

Abgesehen davon, dass Spreng selbst die Polit-Klamotte Schlämmer mit befeuert: Was Spreng in seinem Blog verschweigt, hat er am Ende einer langen Nacht mit Heye und nach offenkundig mehr als einem Bier ins Mikro gestanden: “Was man nicht kommunizieren kann, sollte man politisch sein lassen!” Zu deutsch: Dass Merkel keine andere Wahl hat, aktuell im Ungefähren zu bleiben, weil sie sonst Gefahr läuft wie 2005 auf den letzten Metern von einer knallhart polarisierenden SPD a la Sigmar Gabriel (Spreng: “zur Zeit der einzige, der richtig Wahlkampf macht“) abgefangen zu werden.

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4 comments

  1. Habe auch mit großem Interesse “Durch die Nacht” geschaut und teile Deine Analyse. Spreng ist ein politisch-analytisches Ausnahmetalent. Spreng ist aber auch Opfer seiner eigenen Eitelkeit (er erinnert mich an die Figur des Stanley Motss in “Wag the Dog”: Stanley, don’t do this. You’re playing with your life here. — Fuck my life. I want the credit). Ob er einen subliminalen Minoritätskomplex abarbeitet oder welche Motivation ihn dazu verleitet, ständig (zugegeben höchst interessante) Interna kundzutun, bleibt unklar. Fest steht aber, daß dies aus seiner bisher “nur” journalistischen Verbranntheit eine generelle berufliche macht. Aufträge wird er jedenfalls so nicht mehr bekommen. Mit Büchern/Blog *g* und Reden wird er sich aber sicher über Wasser halten können :-)

  2. Merkel wurde 2005 nicht für ihre Klarheit bestraft, sondern für einen lausigen Wahlkampf:http://www.sebastian-engelmann.de/

  3. @ Sebastian:

    Sicher war der Wahlkampf 2005 lausig, aber er war es vor allem, weil Merkel keine Antwort auf die Polarisierungen und Polemisierungen (“Dieser Professor aus Heidelberg”) einfiel. Und jene wurden überhaupt erst möglich, weil einige Ministerpräsidenten der Union – aus purem Egoismus – von Kirchhof abrückten. Ohne diese Polarisierungen hätte Schröder die Wahl noch klarer verloren.
    Müntering und Steinmeier versuchen jetzt wieder eine solche Polarisierung, aber die Vorzeichen sind andere.

  4. Sie haben ganz recht, Kirchhof fehlte die Unterstützung. Aber wer Kirchhof ist, was er denkt und will sollte auch Merkel und Kauder bekannt gewesen sein. Er ist recht sturr und schon gar nicht kommunikationstechnisch geschult. Das hätte aber zwingend der Fall sein müssen in einer heißen Wahlkampfphase auf so einem sensiblen Themengebiet. Kirchhof wurde ja dann am Ende von der Kampagne regelrecht versteckt, ging durch die Hintertür zu Veranstaltungen und da auch wieder raus. Ich muss der SPD lassen, dass sie 2005 einen – aus kommunikatiosnwissenschaftlicher Sicht – sehr guten Wahlkampf geführt hat und von 20 Prozent irgendwas noch mal auf 34 kam. Das geht dieses Mal freilich nicht mehr, weil die Polarisierung fehlt. Merkel und Steinmeier sind sich sehr ähnlich, sie sind keine Gegenstäze. Und SPD und CDU haben die vergangenen Jahre zusammen regiert. Die Angriffsflächen sind kleiner.

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