Lufthoheit

Demoskopie ist eine Waffe im politischen Wettbewerb. Wer sie zu nutzen weiß, hat viele Vorteile auf seiner Seite. Empirischen Daten wird eine hohe Beweiskraft beigemessen. Sie zeigen, was das Volk denkt. Entsprechend nahe liegen mitunter politische Entscheidungen. Oder doch nicht?

Jüngstes Beispiel für die Vieldeitigkeit von Umfragen und die Vorsicht vor Interpretationen ihrer Ergebnisse ist die Untersuchung der Generation Mitte, die das Institut für Demoskopie Allensbach alljährlich durchführt. Und zwar im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV

spon-tweet

Hat die Generation Mitte andere Vorstellungen als klassische Sozialpolitiker, wie der Spiegel meint? Quelle: twitter

»Deutsche erteilen linken Sozialpolitikern eine Abfuhr.« So lautete sinngemäß eine Quintessenz, die SPIEGEL ONLINE aus der diesjährigen Untersuchung herauszulesen meinte. 

Entsprechendes findet sich so auch in der Pressemitteilung des GDV, auf die sich SPON bezogen haben dürfte. Dort heisst es wörtlich

»Gleichwohl spricht sich die Mehrheit der „Generation Mitte“ gegen Gleichmacherei oder mehr staatliche Umverteilung aus – das Leistungsprinzip ist in den Wertvorstellungen fest verankert. «

So, darf man annehmen, hätte es der GDV gerne. Tatsächlich jedoch ist allenfalls ein Bekenntnis zum Leistungsprinzip in der Umfrage enthalten. Hinsichtlich mehr staatlicher Umverteilung lässt sich die Erhebung kaum als Absage – gegen – sondern viel eher als Forderung – für – mehr Umverteilung verstehen. 47 Prozent der Befragten 30-59jährigen hält die “Einführung der Vermögenssteuer” für eine besonders wichtige Maßnahme des Staates für mehr Gerechtigkeit. Gar 48 Prozent sind für die Erhöhung des Mindestlohnes, auch wenn dies nicht per se als Umverteilung gesehen werden muss. Immerhin noch 37 Prozent halten die Erhöhung des Spitzensteuersatzes für mehr als angebracht!

Nach Ablehnung nicht gefragt: Fast die Hälfte aller Befragten hält bestimmte Formen der Umverteilung für »besonders wichtig«. Quelle:GDV


Wann hätte es zu diesen Fragen je höhere Werte gegeben? Zwar liegen die Werte unterhalb der Zustimmungsquote von 50 Prozent, allerdings (mit Ausnahme des Spitzensteuersatzes) nur sehr knapp. Daraus eine demoskopische Ablehnung zu machen, ist mehr als kühn. Nach einer Ablehnung dieser Vorschläge ist nicht gefragt worden! Die Aussage, die Befragten hätten sich gegen staatliche Umverteilung ausgesprochen, erscheint so bestenfalls als Wunschdenken. Ein seriöser Umgang mit den Daten lässt jedenfalls eine Deutung als Ablehung des Umverteilungsgedankens gerade nicht zu, erst recht nicht, wenn man die hohe Zustimmung zur Schließung von Steuerschlupflöchern (71%) in die Gesamtbetrachtung mit einbezieht: die Generation der 30-59jährigen Deutschen war gegenüber dem Gedanken einer abgewogenen Umverteilung von Vermögen wohl zu keiner Zeit aufgeschlossener.

Umverteilung

47 Prozent sind der Meinung, dass der Staat über Besteuerung der zunehmenden Vermögensspreizung entgegen wirken sollte. Quelle: GDV

Woran mag das liegen? 

Die Antwort liegt ebenfalls in den Daten der Allensbacher: 70 Prozent nehmen eine zunehmende Vermögensspreizung war, zwei Drittel (64%) halten diese Verteilung von Einkommen und Vermögen in Deutschland für ungerecht. Da überrascht es gerade nicht, wenn immer noch knapp 50 Prozent der Befragten Umverteilung als eine wichtige Maßnahme zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit empfinden! 

Ob diese Erkenntnisse politisch willkommen sind, oder gar im Interesse der renditeorientierten Versicherungsbranche liegen, ist eine andere Frage. Kritischer Journalismus sollte sich allerdings die Lufthoheit über diesen demoskopischen Stammtisch nicht nehmen lassen. 

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