Mehdorn holte eigene offensive Kommunikation ein

Hartmut Mehdorn ist eine der kantigsten Unternehmenspersönlichkeiten in Deutschland, die sich in keiner der kleineren und größeren Krisen in einer ”Trutzburg”-Strategie in den Bahn-Tower am Berliner Potsdamer Platz zurückgezogen hat. Seinem Naturell entsprechend, also neukommunikationsdeutsch “authentisch”, warf sich der Bahn-Chef bei heruntergelassener Zugbrücke als Einziger, wie es oft schien, in fast jedes Scharmützel vor das Burgtor. Damit zog er als Vorstandsvorsitzender alle Pfeile für Missstände in dem Staatsunternehmen persönlich auf sich, die seinen Mitarbeitern und Untergebenen sowie den Anforderungen der Poltik an ihn galten. Nun ist es zweifellos richtig: so sollte ein Unternehmenslenker in einer funktionierenden Unternehmenskultur – zumal in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess wie hier – gestrickt sein. Dennoch wurde der Bahnchef im Laufe der Jahre zu einer negativen Projektionsfläche. Diese immer stärkere unvorteilhafte Personalisierung wurde noch dadurch verstärkt, dass Mehdorn zeitweilig als letzter Kämpfer für den Börsengang und die politisch unpopuläre Privatisierung der AG wirkte, für die er als “Antreiber” ursprünglich von Gerhard Schröder angeworben worden war. Das Negativ-Image des Bahnchefs versuchte nicht nur die Lokführergewerkschaft GDL für sich zu nutzen: bei ihrem Streik war sehr gut zu beobachten, wie sie ihre Angriffe immer wieder auf den Bahnchef konzentrierte, obwohl in der bei Haustarif-Verhandlungen in Unternehmen üblichen Arbeitsteilung die Personalvorstandskollegin Margret Sukale zuständig gewesen wäre. Neben einer “Beißhemmung” gegenüber einer Frau dürfte für den damaligen GDL-Vorsitzender Schell das Kalkül entscheidend gewesen sein, dass Mehdorn selbst nie um keine schlagfertige Replik in öffentlichen Auseinandersetzungen verlegen diese Herausforderung annahm. Der Mobilisierung seiner Lokführer, der medialen Polarisierung und dem Bekanntheitsgrad Schells hat es genützt …        

Auch in der aktuellen Krise um die Kontrollaktionen des Emailverkehrs stellte sich Mehdorn vor das offene Burgtor seines Bahn-Towers, war wieder die alleinige Zielscheibe und sicherte umfassende Aufklärung zu.  Das entsprach allen Lehrbuch-Weisheiten der Krisenkommunikation, auch die Ergebnisse der unabhängigen Überprüfung wären ein Ausweis der in solchen Krisenfällen immer geforderten Transparenz gewesen. Mehdorn ist kein ein Mann, der sich in Nebensatzkonstruktionen Hintertüren zur Flucht baut. So hatte er diesmal ein Versprechen abgegeben, das er nicht halten konnte, nachdem er selbst mit Gerhart Baum und Herta Däubler-Gmelin unabhängige Prüfer beauftragt hatte.

Die weiteren aufgedeckten Kontroll- und auch Löschungsaktionen in den Emailaccounts der Bahnmitarbeiter hätten durch Hartmut Mehdorn persönlich mit einer öffentlichen Entschuldigung präsentiert werden müssen. Dass dies durch das wohl vorzeitige Lancieren der Untersuchungsergebnisse an die Medien nicht geschehen ist, hat den Eindruck einer in vielen Krisen üblichen Hinhaltetaktik erweckt, ”Salami-Taktik” statt versprochener Transparenz und dem für Mehdorn typischen Kampf mit offenem Visier … 

Dieser Glaubwürdigkeitsverlust hatte schon am Wochenende zu die öffentlichen Absetzbewegungen der beiden – bisher ihm loyal hinter ihm stehenden – Bahngewerkschaften Transnet und GDBA sowie beim zuständigen Bundesverkehrsminister geführt …

Die Rücktrittsankündigung Hartmut Mehdorns geschah dennoch zu einem für ihn günstigen Zeitpunkt, sind doch die gleichzeitig präsentierten Zahlen “seiner” AG Zeugnis genug für seine Erfolge jenseits der leicht erregbaren Öffentlichkeit.  

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