Multiple Caretaking

Das Thema dieses Tages setzt für mich heute die taz. Nicht ihre gewohnt kritische Berichterstattung zum G8-Gipfel in Heiligendamm (u.a. Ein sehr lesenswertes Interview mit Herbert Grönemeyer: “Niemals mit Merkel Kaffee trinken. Politiker wollen einen nur aufessen”) oder zum Evangelischen Kirchentag in Köln (4 Seiten “Kirchentaz”), auch nicht die tägliche Satire “verboten”, die sich heute mit den Einstiegsvoraussetzungen eines künftigen CSU-Vorsitzenden beschäftigt ist bemerkenswert. Vielmehr beweist die taz in ihrem Interview mit Liselotte Ahnert auf Seite 9 ihren hohen journalistischen Qualitätsstandard. Wie nur wenige Blätter verfolgt die taz Themen langfristig und leistet durch Gespräche wie das mit der 55jährigen Professorin für Entwicklungsförderung an der Uni Köln, substanzielle Beiträge zur inhaltlichen Weiterentwicklung.
Lange war es still gewesen um die Debatte zur frühkindlichen Erziehung. Die Länder haben sich mit dem Bund auf einen Formelkompromiss geeinigt. Familienministerin von der Leyen, die sich zwischenzeitlich heftiger innerparteilicher und äusserer Kritik ausgesetzt sah, durfte dies getrost als Etappensieg verbuchen. In den tagespolitischen Debatten zum Thema ging es jedoch sehr stark um die Frage wo die absehbaren Investitionen für die Kinderbetreuung besser angelegt sind, bei den Eltern oder bei staatlich kontrollierten Institutionen.
Hier leistet Ahnert, die mehrere Jahre am National Institute of Child Health an der
weltweit bedeutenden NICHD-Langzeitstudie mitgearbeitet hat, dringend benötigte Sachaufklärung, in dem sie auf die jüngsten Ergebnisse der Studie hinweist (“Die Eltern bleiben dominant”).
Der überragende Einfluss der Eltern auf die Erziehung der Kinder ist auch wissenschaftlich unbestritten. Allerdings weist Ahnert darauf hin, dass viele Probleme im Bildungswesen ihre Ursache darin haben, dass viele Eltern kein hinreichendes Umfeld bieten können, um kognitive Entwicklung von Kindern zu fördern. Ein Ansatz im Elternhaus müsste logischerweise zunächst an diesem Punkt ansetzen und Bildungsinteresse wie Bildungsfähigkeit der Eltern zu fördern, bevor Geld für Erziehung von Kindern guten Gewissens pauschal an Eltern ausgezahlt werden kann. Frau von der Leyen tut also gut daran, die Volkspartei CDU vor einer Verkürzung ihrer Programmatik auf die kurzfristigen Interessen der mittleren Bevölkerungsschichten zu bewahren. Diese Zielgrupp
e würde sich in dem Maß verringern, wenn die akademische und mit ihr die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im internationalen Vergleich nicht verbessert wird.
Dabei relativiert Ahnert im taz-Gespräch in erfreulicher Frische den Vorwurf, die Krippenpolitik der Bundesregierung sei nur auf die Verfügbarkeit weiblicher Arbeitskräfte für die Wirtschaft ausgerichtet. “Für mich steht außerfamiliäre Betreuung unter dem Stichwort “multiple caretaking”: Verschiedene Betreuer nehmen unterschiedliche Funktionen für das Kind ein, damit dieses sich gut entwickeln kann. Und das ist eine Betreuungform, die wir überall und zu allen Zeiten findet, nicht nur im Kapitalismus.”

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