Nationale Katastrophe

Morgen, am 25. Mai werden die Ergebnisse einer Studie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung im Deutschen Bundestag (TAB) offiziell vorgestellt. Zugrunde liegt ein Szenario eines zweiwöchigen oder gar noch längeren Stromausfalls in Deutschland. Von “nationaler Katastrophe” ist in den Medien die Rede, der Bericht selbst spricht von “einem Kollaps der gesamten Gesellschaft”. Die Folgen wären in der Tat sehr ernst zu nehmen. Allein in Deutschland sind ca. 80.000 Dialyse-Patienten auf kontinuierlichen Stromfluss angewiesen. Über 20.000 Intensivbettenpatienten in den Krankenhäusern müssten auf Notstrom umgeschaltet werden. Verkehrsampeln, Kühlhäuser, Bankautomaten, die Flugsicherung u.v.m. würden ausfallen. Wie verwundbar eine Zivilisation ist, die bis in die letzte Ecke von Elektrizität durchdrungen wird, hat der letzte große New Yorker Blackout 2003 mit seinen chaotischen Folgen für das öffentliche Leben gezeigt. 

Wenn man sich ein solches Szenario ausmalt, dann stellt sich doch sofort eine Frage: Wieso sind wir so anfällig? Am Montagmorgen (23.5.) brennt in der Nähe des Berliner Ostbahnhofes eine Kabeltrasse. Bahnen stehen still, Ampeln und Telefone (Mobilfunk) fallen aus. Es ist beängstigend, was so ein perfider (lokaler) Anschlag bereits für Auswirkungen hat. Der Strom aus der Steckdose hingegen suggeriert 100% Sicherheit und Zuverlässigkeit – ein Grundbedürfnis eben. Dahinter verbirgt sich aber offenbar ein sehr fragiles System.

Der Technikfolgen-Abschätzungsbericht des Bundestages kommt offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt: Mitten im Atom-Moratorium, mitten in der umfassenden Debatte über eine “Energiewende”. Derzeit ist Sommer und der Stromverbrauch nicht so hoch wie im Winter. Zeitgleich wird insbesondere über die PV-Anlagen bei stärkerer Sonneneinstrahlung mehr Energie erzeugt. Man darf sicherlich nicht die von der Industrie geäußerten Bedenken negieren, dass die 8.000 Megawatt Leistung, die durch die Stilllegung der “Moratoriums-Meiler” wegfallen, Engpässe verursachen könnten.

Offenbar greift auch das Schwarze-Peter-Spiel zwischen EVUs (Energie-Versorgungs-Unternehmen) und Netzbetreibern zu kurz. Der eine schiebt den möglichen Engpass auf den anderen. Beide hängen im gegenwärtigen System der zentralen Versorgung aber wie siamesische Zwillinge zusammen. Dass alle Netztöchter der Versorger in Deutschland ausnahmslos in internationalem Besitz sind, stimmt ebenso wenig. Daher geht die Verteilung des Stroms sehr wohl auch die E.ONs, RWEs, EnBWs und Vattenfalls etwas an. So gesehen steckt dahinter natürlich auch immer ein “wenig” Politik – so ist das nun einmal bei einem solchen elementaren Megathema und einem damit in Verbindung stehenden Milliarden-Markt. Das wird politisch wahrscheinlich nur von der Gesundheitswirtschaft getoppt, weil da eine noch stärkere ethische Komponente mitschwingt.

Was uns allen miteinander jetzt auf die Füße fällt ist die Jahrzehnte währende Zentralisierung der Stromerzeugung. Immer größere Einheiten mit immer mehr Leitungsstrecke. Dabei könnte eine dezentrale Stromversorgung viel unabhängiger, flexibler, kostengünstiger (weil Erzeugung und Verbrauch dicht beieinander liegen) und damit nachhaltiger sein. Stattdessen sollen jetzt die “Atomkraftwerke” in Nord- und Ostsee gebaut werden; in Gestalt von Off-Shore Windparks. Verbunden damit sind Risiken, die kein Mensch übersehen kann: Der Bau verzögert sich enorm, weil diese gigantischen Anlagen nur bei friedlicher See gebaut werden können. Einmal in Betrieb, erzeugt die stille See aber wiederum keinen Strom. Die Schwankungen im Netz müssen dann an Land wieder aufwendig ausgeglichen werden. Allerdings ist die Speicherung des flüchtigen Stroms ähnlich aufwendig wie dessen Erzeugung. Versicherungstechnisch ist noch alles offen. Am Ende muss der Staat diese Anlagen versichern (wie jetzt die Atomkraftwerke), weil es für private Anbieter unkalkulierbar wird.

Der Bericht des TAB sollte endlich zum Anlass genommen werden, über ein Energie-Versorgungskonzept nachzudenken, das wirklich das Adjektiv “zukunftsfähig” verdient. Technisch ist das oftmals kein Problem, allein es fehlt der ernste politische Wille.  Dass der nicht die nationale Katastrophe heraufbeschwören möchte, davon gehe ich aus!

 

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