Nicht mit dem Zeigefinger!

Bundespräsident Christian Wulff hat eine Debatte entfacht. “Wie hälst du’s mit dem Islam” scheint sie überschrieben zu sein. Doch darum geht es nur am Rande. Es geht um die Integrationsbereitschaft der Deutschen. Und darum scheint es nicht zum
Besten bestellt zu sein, wenn selbst Medien, die sich ihre links-liberale Haltung so zugute halten wie die ZEIT, glauben, an prominentester Stelle – auf Seite 1 rechts – den Bundespräsidenten in seine Schranken weisen zu müssen. »Unser Islam?« lautet die provozierend offene Frage des Leitartiklers Ulrich Greiner, und schon das Fragezeichen im Titel macht klar, dass die Antwort aus Sicht der ZEIT bestenfalls in einer hochgezogenen Augenbraue besteht, die der Lehrer seinem Schüler gerade noch gönnt, um ihm zu signalisieren: “das ist nicht zuende gedacht!” Stimmt das? Hat die ZEIT tatsächlich diese Weitsicht, die Wulff nicht hat? Wohl kaum!
Dabei geht es hier gar nicht um die ZEIT. Das Blatt, das sich in seiner Ausgabe Nr. 41 ausgerechnet “das Rätsel der Autorität” zum Leitthema gewählt hat, ist als solches nur Sinnbild des deutschen “aufgeklärten Bürgertums”. Immer wieder wird von dort (zu schnell?) der Zeigefinger gehoben, um “im besten Sinne” mahnend und mäßigend den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Doch das geht manchmal schief, so wie aktuell in der Debatte um den Islam.
Natürlich geht es nicht um ein apologetisches Leugnen von Schwächen, Fehlern oder gar Verbrechen, die auch und immer wieder im Namen des Islam begangen werden. Menschenwürde, Freiheit der Person, Gleichberechtigung von Mann und Frau oder Meinungsfreiheit sind universelle Werte, deren Unveräußerlichkeit eingefordert werden muss von allen, die hier leben wollen und von allen, mit denen wir Beziehungen pflegen wollen. Auch von Muslimen!
Dennoch ist es kein Argument zur Rechtgertigung der Ausgrenzung des Islam, wenn unstreitig der Beitrag der islamischen zur deutschen Kultur quantitativ bisher geringer ausfiel als jener anderer Kulturen. Das Problem liegt schon in dem Versuch einer qualitativen Wertung der jeweiligen Beiträge und Traditionen. Nur weil sich im Koran Passagen finden, die problematisch sind, hat niemand das Recht, die generelle Unterlegenheit des Islam daraus abzuleiten. Denn das würde bedeuten, dass es im Binnenverhältnis der angeblich so homogenen christlich-abendländischen Kultur auch zu qualitativen Differenzierungen kommen müsste. Ist das Christentum dem
Judentum überlegen, weil die Vergeltung “Auge um Auge, …” bis heute sogar vom “jüdischen Staat” praktiziert und vom Talmud legitimiert wird? Was sagen Juden zu einer solchen Interpretation?
»Es leben in diesem Land nicht wenige Inder und Chinesen. Gleichwohl käme niemand auf die Idee, davon zu reden, der Buddhismus gehöre zu Deutschland, obwohl die Achtung vor ihm verbreitet ist. So wie Autor Ulrich Greiner denken viele, die der Rede des Bundespräsidenten kritisch gegenüberstehen. Aber warum? Warum soll der Buddhismus nicht zu Deutschland gehören? Was ist an diesem Gedanken so beängstigend? Deutschland wird durch das Grundgesetz definiert (und hat damit übrigens so manche Tradition abgelegt, die jahrhundertelang absolut abendländischer Konsens war wie das Prinzip der Überlegenheit des Mannes über die Frau). Diesem Rahmen muss sich jeder unterwerfen, der die Zugehörigkeit zu diesem Land beansprucht. Das ist Konsens. Welche kulturelle Ausprägung dieses Land besitzt, ist dagegen weniger eindeutig. Schon allein deshalb, weil sich diese Kultur permanent wandelt. Ob wir es wollen oder nicht!
Unbestreitbar gehört der Islam zu Deutschland, wie der Katholizismus (Jesuitischer oder bendediktinischer?) , der Protestantismus (Luthertum, Calvinisten?) das Judentum oder auch der Buddhismus zu Deutschland gehören. Sie alle leisten einen Beitrag zur Kultur dieses Landes. Einen qualitativen Beitrag! Wer diese jeweiligen Beiträge zu werten versucht, grenzt ab – und damit aus! Inclusion ist jedoch das Stichwort jeder erfolgreichen Integration. Das hat Bundespräsident Wulff mit seiner Bremer Rede am 3. Oktober dokumentiert. Ohne Unterschiede zu verwischen, aber auch ohne erhobenen Zeigefinger, wie ihn (ist es Ironie ?) die ZEIT direkt über ihren Leitartikel gestellt hat!

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