Ohne Kutter und Marketing hätten wir keinen „Dioxinskandal“

Es war diese naive Frage der  Moderatorin in einer der zahllosen „Talkrunden“ (deutsch ausgesprochen ist Talk das Fett des Rindes unter dem Rippenfell – fällt mir einfach spontan ein…) zum Thema dioxinverseuchte Eier und jetzt auch verseuchtes Fleisch: „Warum passiert das einfach  immer wieder, wo wir doch alles Erdenkliche tun für den Verbraucherschutz?“ Diese Frage hat mich vom Sofa fahren lassen, und mir ist klar geworden, dass es Zeit wird, meine Gedanken hier einmal etwas ausführlicher darzustellen.Diese Augen schreien einfach um Hilfe!

Die vier Kerngedanken im Überblick:

  1. Ein entscheidender Punkt ist die „Entfremdung“ der Kreaturen – hiermit ist der Mensch und sein täglich (Tier-)Fleisch gemeint.
  2. Der Hygienewahn, der Preisdruck und damit die Zentralisierung sowie die deutsche Kultur des „Spar-es-Dir-vom-Munde-ab“ haben dazu geführt, dass Lebensmittel ein lästiges Bedürfnis des Alltags geworden sind (1970 lag der Ausgabenanteil am verfügbaren Nettoeinkommen für Nahrungsmittel – inkl. Getränke und Tabak – noch bei ca. 25 % der Gesamtkonsumausgaben; heute liegt dieser Anteil bei ca. 7 %Quelle: Statistisches Bundesamt); die Bezeichnung „Lebensmittel“ verdienen ohnehin nur noch die wenigsten Produkte. Das meiste sind vitalstoffarme, tote Nahrungsmittel – von irgendwelchen studierten Lebensmittelchemikern, die sich auch gerne „Food-Designer“ nennen, zu Tode gemartert.
  3. Wer an der Billigtheke im Supermarkt einkauft, sich aber über den Maststall in der Nachbarschaft aufregt, hat es nicht besser verdient.
  4. Die Verbraucher werden rauf und runter geschützt, sie sind aber das letzte Glied in der Kette – Ursache und Wirkung vertauscht? Die Politiker sind nurmehr Getriebene, anstatt selbst einen Antrieb zum Richtungswechsel zu geben.

Was bedeutet das im Einzelnen? Als Angehöriger der jetzt lebenden sog. mittleren Generation (35-65) bin ich auf einem Dorf groß geworden – selbst mit Tieren auf dem Bauernhof lebend, wo es in Kindertagen noch einen Fleischer gab, der aus der Nachbarschaft die Schweine und Großtiere bekam. Die Überzähligen Tiere hat der Schlachter aus dem Nachbardorf abgeholt – heute gibt es Lebendtiertransporte durch ganz Deutschland und halb Europa. Wie viele Tiere auf diesem Weg bereits an Stress oder Durst verenden, weiß nur der Allmächtige. Vor gar nicht allzu langer Zeit wussten Schlachter und Bauern sowieso, aber auch die Kunden vor der Metzgertheke, die heute nur als „Verbraucher“ tituliert werden (s. Punkt 4) genau, wo es herkommt und schließlich hingeht. Da hat der Junge, der von der netten Fleischereifachverkäuferin vorne an der Wursttheke ein Stück Jagdwurst auf die Hand bekam, von hinten im Schlachthaus auch einmal ein Schwein um sein Leben schreien hören. Das hat ihm Respekt eingeflößt und ins Bewusstsein gerufen, was der Kreislauf des Lebens bedeutet. Fleisch ist eben nicht selbstverständlich wie Strom und Heizung. Es muss einem anderen (Lebewesen) in der Natur mühsam abgerungen werden. Diese Mühsal sollte heute der eine oder andere mal wieder auf sich nehmen, dann würde er den Braten wieder würdigen! Zudem haben die meisten Bauern im Dorf seinerzeit ihre Schweine und Hühner mit Getreide und Schrot aus eigenem Anbau gefüttert.

Was aber ist passiert mit dieser heilen und durchaus logischen, weil kreatürlichen Welt? Der vermeintliche Hygienewahn hat reihenweise kleine Dorfschlachtereien zum Aufgeben gezwungen, weil sie die Auflagen, die alles so rein und sauber werden lassen sollten, nicht erfüllen konnten. Bloß, kannten wir damals oder noch früher BSE, die für den Menschen gefährliche Hühner- und Schweinegrippe, nationale Gammelfleisch- oder gar Dioxinskandale? Nein! Erst als die Produktion völlig aus dem Blickfeld des Konsumenten geriet, konnten alle wunderbar schalten und walten, wie sie wollten: Die Bauern, die die Gunst der Stunde gekommen sahen und jetzt endlich mal in Masse (Link: gegen-massentierhaltung.de) machen konnten. Sie entwickelten sich weg von der bäuerlich-dörflichen Landwirtschaft hin zu anonymen, industriell gemanagten Großbetrieben – Schritt eins der Entfremdung. Des Weiteren konnten die skrupellosen Futtermittelmischer, Fetthändler und wer sonst noch so alles „mitmischt“ nach Herzenslust alles zu „Futter“ verarbeiten, was nicht bei drei auf dem Baum war. Der abnehmende industrielle Mäster hat keinen Überblick mehr, was in dem Fertigfutter ist, das am Ende der Mastzeit nur noch „Hähnchen finisher Standard“ heißt. Das Masthähnchen wird naturgemäß nicht gefragt, was es mag. Vielmehr wird es so manipuliert, dass es am Ende 1 kg Körpergewicht bei nur 1,2 kg Futterverzehr gewonnen hat – Schritt zwei der Entfremdung.

Das eigentlich Dramatische an der Entwicklung aber ist – und darum wird sich auch nichts ändern –, dass der Supermarkt-Kunde keinen Schimmer hat, wo die Grillwürstchen Thüringer Art genau herkommen und wie sie entstanden sind. Zwar versehen die Marketing- und Werbestrategen die Verpackung mit allen gesetzlichen Angaben von Hersteller bis Haltbarkeit. Aber wie die lebende Kreatur vorher behandelt wurde, was sie u.U. erleiden musste, das hat der Kutter (das ist die nette Maschine, die aus einem ganzen Schwein am Stück, mit Borsten, Haut und Gedärm zur Not die perfekt schmeckende Bratwurst macht) eingeebnet. Ein bisschen Nitritsalz und die entsprechenden Geschmacksverstärker, das Ganze hübsch verpackt, machen daraus Schweinenacken de luxe. Vielleicht würde ein Bild aus dem kalten, dunklen Betonspaltenbodenstall (s.o.), wo mit Scheiße verdreckte Tierleiber aneinander gequetscht kauern, helfen, einen realitätsnäheren Eindruck zu verschaffen. Leider ist das bei Eiern kein bisschen und bei Milch nicht wahnsinnig viel anders. Am Ende bleibt natürlich die Frage, ob der Verbraucher an dieser Entwicklung Schuld hat, weil er zwar die Waren nachfragt, die Produktionsmethoden aber nicht hinterfragt? Würde er allerdings kaufen, wenn man ihm nicht ständig so ein günstiges Angebot unter die Nase halten würde? Was ist mit der Politik? Sicherlich, ein einzelner Politiker würde niemals diesen Zustand der Produktion goutieren. Massentierhaltung, schlechtes Futter, Tiertransporte, das ist alles nicht politisch korrekt. Nichtsdestotrotz, sind über Jahre und Jahrzehnte Entscheidungen für Rahmenbedingungen geschaffen worden, die ein besseres Leben für alle – Mensch und Tier – ermöglichen soll(t)en. Doch das Gegenteil ist der Fall – wie so oft im Leben, das Gegenteil von gut ist gut gemeint: Der Mensch frisst sich immer kränker und die Tiere sehen keinen Halm Stroh in ihrem Leben, sondern nur Gummi- und Betonspalten – oder Drahtstangen, wenn es sich um Hühner handelt.

Es ist wie immer im Leben, sicherlich von allem etwas und den EINEN Schuldigen gibt es natürlich auch nicht. Es sind viele Spieler und Faktoren: Der Erzeuger, der sich von der Rendite der hohen Stückzahlen locken lässt, ohne über artgerechte Haltung und Fütterung nachzudenken. Der Futtermittelhersteller und -händler, der auf Anweisung des abnehmenden Fleischanbieters das Futter an die Mäster ausliefert. Der Fetthändler, der im Zweifel dafür sorgt, dass der brasilianischen Sojabohne, die zwar reich an Proteinen ist, auch noch das energiereiche Fett beigemischt wird. Es sind die Supermärkte, die im Buhlen um den Verbraucher, das Kilo Schweinefilet auf 1,99 € runtersubventionieren, damit die Leute kaufen. Die anderen „müssen“ dann nachziehen, die Spirale nach unten kennt offenbar keinen Boden mehr. Letztendlich trägt aber auch der Kunde/Verbraucher Verantwortung. Am Ende entscheidet er ganz persönlich, was er kauft und was nicht. Und an dieser Stelle ist das größte Dilemma: „Wenn ich es liegen lasse, kauft es ein anderer.“ Das ist ähnlich dem berühmte “Demokratie-Dilemma”: Wen stört es, ob ich wähle oder nicht?! Wenn so jedoch beispielsweise in Deutschland 60 Mio. Wahlberechtigte denken, dann findet Demokratie woanders statt. Everyone matters!!!

Der Verbraucher – dieser Tage mein Lieblingsstichwort. Vielleicht sollten wir den „betroffenen Verbraucher“ zum Unwort des Jahres küren. Es gibt ein Bundesministerium, das nennt sich „Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz“. Das war eine Großtat der Regierung Schröder 2001 und Renate Künast ist heute immer noch stolz auf die Leistung, dass das Ministerium nur mehr „Verbraucherschutzministerium“ heißt. Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopfe her. Den Verbraucher bevormunden, so (be-)schützenswert er auch sein mag, sollte die Politik besser nicht, das rächt sich nämlich langfristig. Dieser Verbraucher jedenfalls stellt in der Kette vom Fressen und Gefressen-Werden das letzte Glied dar. Er hat keinen Einfluss auf das Futter, das die Tiere bekommen, dessen Eier, Milch oder am Ende Fleisch er verzehrt. Wie will man ihn da effektiv schützen? So naiv, dass Gesetze und Verordnungen jeden Geschäftemacher mit der lebenden Kreatur abschrecken, können nur die sein, die sie ersinnen. Daher werden die Skandale in der Zukunft zu- und nicht abnehmen.

Das einzige – und diese Entwicklung ist zum Glück deutlich erkennbar – was hilft, ist Lokalisierung und Dezentralisierung. Wenn der städtische Fleischkäufer am Sonntag ins Umland fahren und sich die grasenden Steaks anschauen kann, die in Bälde auf seinem Teller landen, dann kommen wir dem gesunden Ablauf einen gehörigen Schritt näher. Wenn er darüber hinaus dem Bauern – und derjenige, der ehrlich außerhalb von Masse mit den Tieren sein täglich Brot verdient, verdient auch den Namen “Bauer” – vertraut, ist das noch besser. Wenn er zudem den Metzger, der mit dem Erzeuger zusammenarbeitet, kennt, dann ist das die Vorstufe zum Paradies; für alle menschlich und tierisch Beteiligten. Die Politik muss also endlich zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden lernen. Wenn der in kleinen Einheiten produzierende und vor Ort vermarktende Bauer in der Existenznotecke verhungert, wird es ihn logischerweise nicht geben. Ein Schweinestall für 10.000 Überläufer auf der grünen Wiese mit EU-Geldern subventioniert, wird dagegen als politische Großtat gefeiert – das schafft Arbeitsplätze! Wer so etwas behauptet, gehört in diesem Stall eingesperrt. Das Leben ist jenseits der ganz großen Weltfriedenstheorien – und hier macht keiner der europäischen Idee beispielsweise etwas streitig – eben lokal und sehr überschaubar. Dieses Bewusstsein müssen wir uns offenbar wieder aneignen.

Fazit: Ohne Dezentralisierung der Erzeugungskette (vom Bauern zum Schlachter und damit zur Ladentheke) und ohne die Bewusstseinsveränderung, dass Fleisch, Milch und Eier eben nicht aus dem Supermarkt kommen, sondern von zunächst lebenden Tieren, wird ein Skandal den nächsten ablösen. Die Skandälchen kriegt ja erst gar keiner mit.

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5 comments

  1. danke für diesen artikel!
    ja, es liegt an jedem einzelnen von uns – den “verbrauchern” – die derzeit besser “mißbraucher” hießen…
    mein beitrag gegen die misere: ich lebe vegetarisch, fast vegan und bin in sachen permakultur sehr engagiert.

  2. Wow, was für ein toller Bericht. Großes Kompliment. Ich würde fast jede Zeile unterschreiben. (nur das mit dem Kutter stimmt nicht ganz…)
    Ich habe selten einen so guten Bericht gelesen. Ich bin froh, dass Doc Sarah Schons diesen Bericht auf meinem Blog verlinkt hat. Die Rückkehr zu den kleinen Einheiten und zu den regionalen Anbietern habe ich schon vor Jahren gefordert. Leider wird man dafür noch immer belächelt.

  3. Das Problem für mich als Städter ist doch, überhaupt vernünftige Ware kaufen zu können.

    In einem Supermarkt oder einer großen Kette brauche ich gar nicht erst schauen. Selbst die “kleinen” Fleischer packen nur Wurst & Co aus, um es in ihre Ladentheke zu legen.

    Ich habe nach langem Suchen endlich einen Fleischer gefunden, der Fleisch aus dem Umland noch selber verarbeitet, zerteilt, usw.

    Aber woher weiss ich dann, ob in den Ställen nicht doch das Mastfutter vom Großhändler XY verfüttert wird?

  4. Eng mit einander verbunden sind die mainstreams”Beschleunigung” und “Renditegier” – immer weniger Zeit wird von der “tierischen Erzeugung” bis zur “Zubereitung” für immer mehr “Fleisch” verwandt. Das eingesetzte Kapital schlägt sich mehrfach um. Die ständig unter Druck gesetzten Menschen – in jeder Lebenssituation hat sich der mediale Drück enorm verstärkt – leben im Duchlauferhitzer. Da fällt dann auch schonmal etwas mehr oder weniger “Dioxin” ab. Der Name des “Unfalls” ist austauschbar.

  5. Udo.Sonnenberg

    Sehr geehrter Herr Freese,

    vielen Dank für die Blumen! Ja, das mit dem Kutter ist bewußt überspitzt… Aber leider wird in Großschlachthöfen oft nicht wirklich auf Ohr und Pfötchen geachtet. Eine Leere sollten wir alle miteinander aus dem ganzen Schlamassel ziehen: Qualität wird sich langfristig druchsetzen und ihren Preis rechtfertigen lernen. Ein Letztes – zieht immer – ehrlich währt am längsten!

    In diesem Sinne!

    Beste Grüße,

    U. Sonnenberg

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