Parteitag 2.0 – Endlich muss ich dich nicht mehr sehen!

Der normale Parteitag im Jahr 2020?

Wie anstrengend Parteitage auch immer sein müssen. Langwierige Reden, kräftezehrende Abstimmungen und trotzdem immer die gleichen Gesichter. Schlimmer noch: An deren Ende ist man häufig nicht schlauer, blickt man zum Beispiel auf die Suche nach einem potentiellen Kanzlerkandidaten der SPD. Steinmeier, Steinbrück oder etwa doch Sigmar Gabriel?

Dem Leiden vieler Parteisoldaten kann jetzt endlich ein Ende gesetzt werden. Denn einer Studie des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags zufolge, können virtuelle Mitgliederversammlungen in Zukunft als gleichwertiger Ersatz für die „realen“ Parteitage gesehen werden. Bedingung sei allerdings, dass das Parteiengesetz eingehalten werden müsse, so zum Beispiel der geregelte und sichere Ablauf der Beschlussverfahren. Aber mit dem Fortschreiten der Technik sollte diese Hürde im Schlaf überwunden werden können, oder was sagt der Chaos-Computer-Club (CCC) dazu?

Jedenfalls würde diese Innovation einschneidende Änderungen mit sich bringen, die über das Wegfallen des Dress-Codes hinausgehen. So könnten die Parteien immense Summen einsparen, die ihre meist aufwendig inszenierten Versammlungen verschlingen. Buffet, Tagungsräume, Bühnenshow. Andererseits bedeutet das zugleich den Wegfall eines wichtigen Integrationsritus der schrumpfenden Interessengemeinschaften. Besinnt man sich zu diesem Anlass doch meist auf die gemeinsamen Werte, präsentiert sich geschlossen nach Außen und kündigen an, in Zukunft alles besser zu machen. Wenn alle Abgeordneten in Jogginghose und Morgenrock am heimischen Arbeitsplatz teilnehmen, könnte sich diese Prozedur als äußerst schwierig gestalten.

Ein genauer Blick auf diese Art der Mitgliederversammlung legt jedoch auch einige wichtige Vorteile frei. Die Omnipräsenz des Internets würde auch solche Parteigenossen zur Teilnahme befähigen, die im Regelfall aufgrund mangelnder Mobilität, ihrer Arbeitsstelle oder anderen schwerwiegenden Gründen ausgeschlossen wären. Man hätte also die Möglichkeit eine breitere Basis in die Politik einzubinden und so Unterstützung für so manche Entscheidung von Beginn zu generieren.

Interessant ist auch der Blick auf die personellen Entscheidungen, die in diesem Szenario getroffen werden würden. Man stelle sich nur den Kampf um die Kanzlerkandidatur der SPD vor, der nicht auf einer großen Bühne vor Publikum entschieden wird. Könnten in diesem Fall gar die inhaltlichen Argumente über die Performance triumphieren?

Diskutieren und Phantasieren kann man über diese Innovation ganz vortrefflich. In der Praxis kann man sie sich allerdings vorerst nur bei netzaffinen Organisationen wie der Piratenpartei vorstellen. Die etablierten, ehemaligen Volksparteien werden sich hingegen sicherlich vorsichtig mit diesem Thema auseinandersetzen und abwarten, was der CCC mit einem Testballon anstellt.

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