Professionalisierung vs. Amerikanisierung

Am Freitag abend war ich auf Einladung der Organisatoren des 5. Düsseldorfer Forums für Politische Kommunikation (DFPK) Teilnehmer einer Podiumsdiskussion. “Superwahljahr 2009 – amerikanische Verhältnisse in Deutschland?” lautete die Frage, die meine Mitdiskutanten Ulrich Sarcinelli, Hans-Jürgen Beerfeltz, Barbara Pfetsch und Godehard Uhlemann und ich unter der Moderation von Norbert Robers beleuchtet haben. So unterschiedlich das Panel besetzt war, so unterschiedlich fiel die jeweilige Betrachtung aus. Barbara Pfetsch störte die Vokabel “Amerikanisierung“, die bis dahin vielleicht zu leichtfertig und unreflektiert von allen Teilnehmern verwendet wurde. “Professionalisierung” sei treffender. Ulrich Sarcinelli wies zu recht auf die grundlegenden Unterschiede zwischen Deutschland und den USA hin, wo jede Administration mit der Freiheit – und dem Auftrag – ausgestattet wird, den American Dream jeweils neu zu erfinden. Godehard Uhlemann fand es aus historischen Gründen begrüßenswert, dass es in Deutschland “zum Glück” keine charismatischen Politikerpersönlichkeiten gebe. FDP-Bundesgeschäftsführer Beerfeltz stellte klar, dass eine Besonderheit der erfolgreichen Obama-Kampagne im Internet die Einladung zur Partizipation gewesen sei.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang das Interview von golem.de mit Mary C. Jones, Mitgründerin der Digital Activists, auf der soeben zuende gegangenen re:publica09 über das wirklich Neue und Besondere an der Obama-Kampagne. Es sei vor allem die dezidierte Aufforderung zur Einmischung in politischen Angelegenheiten gewesen, den Obama glaubhaft an die Menschen gerichtet habe.

Daran mangelt es in Deutschland, weshalb re:publica-Mitveranstalter Markus Beckedahl im futurezone-Interview folgerichtig die Menschen in Deutschland auffordert, sich stärker und selbstbewusster in die Politik einzumischen.

Wir müssen Politik öffnen und wieder eine Begeisterung für demokratische Prozesse in der Bevölkerung entfachen. In Deutschland gibt es zunehmend Parteienverdrossenheit. Die einzige Chance, die Parteien haben, ist eine Öffnung mit temporären Beteiligungs- und Mitbestimmungsangeboten für junge Menschen.

Es ist richtig: die Politik in Deutschland ist nach wie vor eine closed-shop-Veranstaltung. Nur zögerlich öffnen sich die Parteien für die Mitwirkung von Bürgern, die sich zwar einer Sache, nicht aber einer Partei mit Haut und Haar verschreiben wollen. Ob es tatsächlich unüberwindbare parteienrechtliche Gründe sind, wie Beerfeltz auf dem DFPK berichtete, die verhindern, dass wir etwa bei der Aufstellung für Kandidaten zu Landtags- und Bundestagswahlen oftmals nicht einmal “Kumulieren und Panaschieren” können, geschweige denn Caucuses oder Primaries nach US-Vorbild abhalten, halte ich für zweifelhaft.

Wie ernst es jedoch Präsident Obama ist, seine persönliche Kommunikationsstrategie, die durch Town-Halls und andere Formen direkter Interaktion mit den Wählern charakterisiert ist, demonstriert er heute: Seine wöchentliche Ansprache über das Internet wurde an Bord der AirForce One aufgezeichnet und online gestellt.

 

4/4/20: Your Weekly Address from White House on Vimeo.

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