Reise nach Jerusalem – äh, Berlin

Bei der Reise nach Jerusalem, dem beliebten Spiel auf Kindergeburtstagen (jedenfalls in meiner Kindheit), geht es darum, möglichst bis zum Schluss einen Sitzplatz in der Runde zu ergattern; denn in jeder Runde scheidet einer aus… Im Bundestag ist es dieser Tage etwas umgekehrt: Es sind nach der Bundestagswahl mehr Abgeordnete „übrig“ (WP 16: 614; WP 17: 622) und die brauchen Platz. Laut Bundestagsverwaltung wechseln 90 % aller Abgeordneten-Büros ihre Besitzer. Wer also nicht neu einrückt, zieht um – Sprecher, Ausschussvorsitzende, Beauftragte, Fraktionsvorstände, Geschäftsführer – jedes Amt in den Fraktionen verlangt nach mehr Personal und damit nach mehr Raum. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass viele ausgeschiedene Posteninhaber ihre Büros immer noch nicht endgültig geräumt haben. Die neuen können folglich nicht einziehen. Sie selbst blockieren die „Frischlinge“, also die neuen Nachrücker und so weiter und so fort. Da hilft nur eins: Gelassenheit. Der Bundestag ist mittlerweile eine hochkomplexe logistikintensive Institution (2700 Verwaltungsmitarbeiter, über 600 MdBs mit auch mind. zwei oder drei Mitarbeitern, hunderte von Referenten in den Fraktionen, technisches Personal etc.). Dem Anspruch der gewählten Mitglieder des Hohen Hauses immer sofort gerecht zu werden, ist kaum möglich. Gegen die Büroplanung ist der Umbau der Sitze im Plenarsaal eine Kleinigkeit. Wer aber meint, dann könnten doch die „Bürolosen“ im Plenum arbeiten, verkennt leider die multimedialen und kommunikativen Ansprüche der Wähler an die Abgeordneten. Die erforderlichen Regiezeiten als Folge politischer Mehrheitsveränderungen im Parlament werden leider nur zu oft in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert oder verstanden. Wer allerdings schon einmal privat umgezogen ist, hat vielleicht etwas Mitgefühl.

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