Sie treiben es doll …

ARD-Talkmaster Günther Jauch hat selbst als Top-Journalist keine Hemmungen gehabt, Kollegen strafrechtlich zu belangen. Glaubwürdiger wird seine Kritik an Bundespräsident Wulff dadurch nicht.

Bundespräsident Wulff steht weiter in der Kritik. Gestern Abend haben ihm in der ARD-Sendung Günther Jauch die … ich suche nach dem passenden Adjektiv … bemerkenswerten … Journalisten Nikolaus Blome und Georg Mascolo mit sehr kritischem Ton vorgehalten, wie schlecht er seinem selbst gewählten Transparenz-Anspruch gerecht werde. Sogar ein Profi-Journalist wie Günther Jauch war beeindruckt und huldigte ihnen mit … bemerkenswerten … Suggestiv-Fragen. Blome und Mascolo mussten sich in keiner Weise rechtfertigen. Etwa für das nach wie vor einmalige Verhalten, einen amtierenden Bundespräsidenten auf Auslandsreise mit der Publikation einer innenpolitischen Nachricht zu überraschen. Sie hatten Gelegenheit, staatstragend zu erklären, dass auch sie sich “einen guten Bundespräsidenten” wünschten, es aber als ihre Aufgabe verstehen, im Interesse der Öffentlichkeit aufzuklären, wo der Politiker Christian Wulff hinter seinem Anspruch zurück bleibt. Und wie er damit dem Anspruch der Öffentlichkeit an einen guten Bundespräsidenten nicht genügt. Persönlich hätten sie ansonsten gar nichts gegen die Person Christian Wulff. Abgesehen davon, dass hinter dieser behaupteten Neutralität erhebliche Fragezeichen bestehen, wie fettehenne.info hier aufgezeigt hat, bekommt das Bild der Saubermänner in puncto Transparenz mittlerweile erhebliche Risse. Auch weil sich Gerüchte halten, dass es um diese Diskrepanz im eigenen Anspruch der Aufklärer und ihre Methoden in jenen Teilen der Mailbox-Nachricht für Kai Diekmann gehen soll, die bisher nicht veröffentlicht worden sind. Doch der Reihe nach:

Transparenz-Treiber. So sieht sich das Netzwerk Recherche gerne dargestellt. Es handelt sich bei dem gemeinnützigen Verein um einen Zusammenschluss von Journalisten, die hohe Ziele anstreben. Gründungsjahr des Vereins ist 2001. Gründungsmitglieder sind, neben anderen, auch Georg Mascolo und Hans Leyendecker. Beide sind als deutliche und scharfe Kritiker des Bundespräsidenten hervorgetreten. Die “Rechercheure”, wie das Netzwerk auch genannt wird, wollen mit ihrem Wirken Gutes tun, “doch der tägliche Spagat zwischen Qualität und Quote bzw. Auflage gelingt nicht immer.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, was der Zweck des Vereins im Detail beinhaltet. Demokratieförderung, wie man es von einem gemeinnützigen und steuerbegünstigten Verein erwarten dürfte, sucht man jedoch als satzungsgemäßes Ziel vergeblich. Statt dessen ist der Verein merkwürdig narzisstisch, also auf sich selbst und seine Herkunft im Journalismus ausgerichtet: Wahrung der Medienkultur und Pflege des investigativen Journalismus sind die Werte, auf die sich der Verein in seiner Satzung beruft. Ein Bekenntnis, etwa zum Schutz der Verfassung durch guten Journalismus oder zum Dienst für das Gemeinwohl durch Stärkung rechtsstaatlicher Grundsätze wie Meinungs- und Pressefreiheit, findet sich in dem insoweit … bemerkenswert … selbstgerechten Satzungsdokument nicht. Daher stellt sich die Frage: Welche Medienkultur soll da gefördert werden? Und welchem Zweck dient die Investigation, derer sich die Journalisten verschrieben haben?

Alles was da gelaufen ist, alles was jetzt dazu gesagt und geschrieben wurde und auch das meiste, was Sie mich jetzt fragen, gäbe es nicht, wenn ein einzelner Mensch vernehmlich einen einfachen Satz ausgesprochen hätte wie: “Ich trete zurück”, oder “Ich höre mit dem heutigen Tag auf”.

Dieser Satz stammt von Hans Leyendecker, dem ehemaligen SPIEGEL- Journalisten, der inzwischen bei der Süddeutschen Zeitung tätig ist. Leyendecker, der zu den süffisantesten Kritikern von Bundespräsident Wulff gehört (“das Amt ist zu groß”), hat ihn nicht etwa gebraucht, um damit ein “ehrenvolles Ende” der Präsidentschaft von Christian Wulff zu beschreiben. Dieser Satz fiel in pikanten Angelegenheiten des “Netzwerk Recherche e.V.”. Und er verdeutlicht eine Geisteshaltung, die gerne Verantwortungsbereitschaft einklagt. Bei anderen! Obwohl Hans Leyendecker stellvertretender Vorsitzender der Organisation Netzwerk Recherche e.V. gewesen ist, hat er mit dieser Aussage versucht, von eigener Verantwortung beim Finanzskandal des Journalisten-Vereins abzulenken.

Es fällt auf, dass im Netzwerk Recherche Journalisten aus allen Branchen vertreten sind und aus vielen Redaktionen. Wundert es da, dass in den Medien kaum kritische Reflexion der Recherchepraxis im Fall Wulff erfolgt, obwohl die Verstösse gegen journalistische Sauberkeit der selbsternannten Hohepriester der Wahrheitsfindung vielfältig sind?

Vielleicht muss man es ihnen leichter machen und sie selbst fragen, wie sie es selbst halten in jenen Dingen, die sie von ihren Rechercheobjekten erwarten. Wie steht es mit der Transparenz, Herr Blome? Welchen “Kollegen” hat die BILD die Abschrift des Mailbox-Protokolls von Herrn Diekmann wann zur Verfügung gestellt? Ist die Abschrift vollständig weitergeben worden, oder sind es nur Teile?

Und Herr Mascolo, wie stellen Sie sich Verantwortung von gewählten Funktionsträgern vor? Welchen Beitrag muss jeder einzelne leisten, um für Transparenz und Klarheit zu sorgen? Können es sich selbst ernannte Aufklärer erlauben, das Vier-Augen-Prinzip in eigenen Angelegenheiten ausser Kraft zu setzen? Ist das, Herr Leyendecker, mit dem Anspruch eines stellvertretenden Vorsitzenden zu vereinbaren, dessen Organisation es sich zur Aufgabe gemacht hat, für Kontrolle und Transparenz gegenüber höchsten staatlichen Funktionsträgern zu sorgen? Gelten für diese Kontrolleure selbst geringere Ansprüche, etwa wie für den Kaninchenzuchtverein in Fröttmaning? Sie führen hohe Ziele im Schilde, nehmen für sich in Anspruch, den Mächtigen auf die Finger zu schauen und persönliche Mitverantwortung aufzudecken, wollen selbst jedoch das Recht reklamieren, wegzuschauen, wenn ihr Kollege im Vorsitz staatliche Fördergelder zu unrecht in Anspruch genommen hat? Kriminell sind immer nur andere?

Herr Mascolo, Herr Leyendecker, Sie beiden haben als Gründungsmitglieder des Netzwerkes Recherche die Satzung mitbeschlossen, die es den Vorständen erlaubt, einzelvertretungsberechtigt für den Verein aufzutreten. Dass, was Sie Herrn Leif vorgeworfen haben, haben Sie damit selbst ermöglicht. Durch bestenfalls Fahrlässigkeit. Wie beurteilen Sie Ihr diesbezügliches Versagen? Sie gehen zur Tagesordnung über und richten moralisch und politisch über andere? In wessen Namen und mit welchem Recht wollen Sie das tun?

Und wie steht es mit der Toleranz gegenüber Presseorganen beim Gastgeber Günther Jauch, der als einer der quotenträchtigsten Journalisten in Deutschland scheinbar das von Christian Wulff verlangt? Nicht immer gut, gerade in eigenen Angelegenheiten. Und dafür ist Jauch auch schon von wem in die Zange genommen worden? Vom … bemerkenswert … investigativen Netzwerk Recherche:

# 01: Editorial.

Jauch klagt gegen Verleumdung, weil ein Journalist im Rahmen seiner Recherchen gegenueber Dritten ehrenruehrige Behauptungen gemacht haben soll – Gefahr fuer die Recherchekultur.

Guenther Jauch ist zweifellos ein Multi-Talent; ein begnadeter Entertainer, Sport-Moderator und auch Journalist. Trotzdem muss Herr Jauch als Person der Zeitgeschichte von den Medien behandelt werden, wie jeder andere Prominente auch. Seine Privatsphaere muss geachtet werden ohne das Recht der Oeffentlichkeit auf Berichterstattung ueber ihn zu beschneiden.

Eigentlich muesste der Journalist Jauch dies verstehen.

Doch die Klage, die er gegen einen BamS-Reporter wegen Verleumdung angestrengt hat (AZ 420 Js 43651/05), wirft grundsaetzliche Fragen auf. Der Verleumdungsvorwurf bezieht sich nicht auf die Veroeffentlichung in der Bams vom 12.09.04 zum Immobilienvermoegen Jauchs. Sondern auf angebliche Aeusserungen des Journalisten waehrend seiner Recherchen gegenueber der Potsdamer Amtsgerichtspraesidentin. Dieser Vorfall ist ernst zu nehmen, weil mit diesem Vehikel kuenftig unvoreingenommene Recherchen erschwert oder unterbunden werden koennten.

Folgende Aspekte sind zudem bedenkenswert:
- Stern-TV mit dem Moderator Guenter Jauch versteht sich ja selbst als “investigatives” Magazin und journalistisches Flaggschiff von RTL. Versteckte Kamera, knallharter, tabufreier Journalismus, versessen auf die Wahrheit: Was Jauch von seinen Reportern fordert, muss er sich auch als Star gefallen lassen.
- Prominenz und Einfluss einer einzelnen Person duerfen nicht dazu fuehren, dass die Justiz in Potsdam ihre Grundsaetze der Gleichbehandlung aller Buerger aufgibt.
- Eine ergebnisoffene Recherche darf nicht von der Erlaubnis einer Behoerde abhaengig sein. Recherchen duerfen keine strafrechtlichen Konsequenzen haben, sonst muesste auch Stern-TV die Sendung dicht machen. Ohne eine unabhaengige, keinen Restriktionen unterworfene Recherche ist ein serioeser Journalismus nicht denkbar. Wenn Prominente kuenftig darueber entscheiden, was ‘bei Hofe’ recherchiert und was ueberhaupt berichtet werden darf, dann bewegen wir uns im Eiltempo in vordemokratische Zeiten.

Fazit:
Der Journalist Guenter Jauch sollte noch einmal nuechtern nachdenken und das juristische Scharmuetzel aufgeben. Andernfalls hat er als Medienstar viel zu verlieren:
seine Glaubwuerdigkeit.

Was zeigt dieses Beispiel? Nun, zumindest zeigt es, dass Günther Jauch selbst aus eigener Erfahrung weiss, wie menschlich es ist, als Person des öffentlichen Interesses wie als glaubwürdiger Journalist gleichwohl persönliche Rechte auch juristisch durchsetzen zu wollen. Etwas mehr Verständnis für den Bundespräsidenten – der sich ausweislich seiner Äusserungen im Fernsehinterview gegen unlautere Recherchemethoden wandte, die den Vorwurf der Korruption bei Befragungen schon mit erwähnt hat und damit die Haltung der Befragten gleich mitgeprägt haben könnte. Dass pikanterweise die entsprechenden Sätze nicht veröffentlicht wurden oder als “unverständlich” in den bekannten Teilen der Abschrift dargestellt sein könnten, macht es nicht leichter für Christian Wulff.

Journalisten sind Anwälte der Öffentlichkeit. Selbst wenn sie sich wie Staatsanwälte verstehen sollten, was sie nicht sind, so haben sie gleichwohl auch die Pflicht, entlastendes Material zu recherchieren. Dazu hatte Herr Jauch in nunmehr zwei Sendungen zum Thema reichlich Gelegenheit. Passiert ist leider nichts…

Oder sollte es etwa noch mehr geben, was Herr Jauch dem Netzwerk Recherche zu verdanken hätte? Etwa das Ausbleiben weiter unangenehmer Veröffentlichungen? Jedenfalls hat er die ziemlich einmalige journalistische Chance verstreichen lassen, Herrn Blome oder auch Herrn Mascolo, der die Mailbox-Nachricht ja auch kennt, in der Sendung zu fragen, welche Teile der Nachricht noch nicht bekannt sind? Ob das Anne Will passiert wäre?

Immerhin könnte es in jenen Passagen tatsächlich um die Praktiken und die verborgenen Absichten von Journalisten gehen, die sich im Netzwerk Recherche eine Spur zu freundschaftlich verbunden sein könnten. Und immerhin wäre dies eine Erklärung für die Hilflosigkeit des Bundespräsidenten. Der könnte sich nämlich quasi einer freundschaftlichen Bitte der “organisierten” vierten Gewalt gegenübergesehen haben, in einem Spiel mitzuwirken, was darauf hinauslaufen würde, die Politik der Bundesregierung ohne demokratische Legitimation aktiv zu gestalten. Anstatt “nur” zu berichten. In diesem Sinne ist es bezeichnend, wie Leyendecker immer wieder der BILD-Zeitung Schützenhilfe leistet und preisgibt, wie sehr er sich wünscht, dass der Rückhalt für Wulff schwingen möge. Ein fairer Beobachter sieht anders aus.

Dies lässt die Größe des Dilemma erkennen, in dem sich die Politik insgesamt befindet – und weshalb gegenwärtig wenig öffentliche Unterstützung für den Bundespräsidenten zu vernehmen ist: Sie bewegen sich auf einem Spielfeld, dessen Regeln ein kleiner Kreis von Journalisten bestimmt, die sich untereinander gut kennen. Und die sich sicher sind, dass sie von einem hohen Gut geschützt werden: der grundgesetzlich garantierten Pressefreiheit!

Es wird Zeit, über die Rolle der Medien in unserem Land zu sprechen. Sie treiben es doll! Und niemand kontrolliert sie!

Nachtrag 10. Januar 2012, 9.35 Uhr: Malte Lehming bestätigt indirekt im heutigen Tagesspiegel die Existenz eines Fahrplans und die hohe Wahrscheinlichkeit einer konspirativen Absprache “unter Kollegen” (Regel Nummer 4 der Checklisteliste “für die erfolgreiche Inszenierung eines Skandals”). Wenn es jedoch so sein sollte, dass “jeder Volontär” heute diese Liste kennt, ist es kein Skandal der Politik. Dann ist es ein Skandal der Presse!

Redaktioneller Hinweis: fette-henne.info-Autor Uwe Alschner hat von 1997 bis 1998 für Christian Wulff gearbeitet. Im Vorfeld der Wahl des zehnten Bundespräsidenten im Sommer 2010 hat sich CDU-Mitglied Uwe Alschner offen für Joachim Gauck als Bundespräsident ausgesprochen. Auch für Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Uwe Alschner 1998-99 gearbeitet und sich 2002 für Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat ausgesprochen. Uwe Alschner ist unabhängiger politischer Beobachter und Berater. Eine organisatorische oder geschäftliche Beziehung zu Bundesregierung, Bundespräsidialamt oder CDU besteht nicht.

Tags: , , , , , , , ,

1 Kommentar

Ein Kommentar hinterlassen


Premium Wordpress Plugin