Stolz und Vorurteil

Foto: Screenshot Sueddeutsche.de

200 Jahre alt ist der nach Angaben der BBC zweitbeliebteste Romans der britischen Literatur. Sein Titel lautet Stolz und Vorurteil und die Autorin Jane Austen zeichnet darin ein Sittengemälde der Zeit eingangs des 19. Jahrhunderts. Mit Blick auf die Vorgänge rund um den bislang einzigen vorzeitigen und unfreiwilligen Rücktritt eines deutschen Bundespräsidenten ist dieser Titel auch heute noch aktuell, auch wenn es im Unterschied zum Austen-Buch bei diesem Skandal nur am Rande um Liebe geht. Doch es geht um eine Menge Vorurteile und leider auch zu viel Stolz, durch den dieser Fall eine beispiellose Tragik bekommen hat.

Die Medien berichten in diesen Tagen über “Ermittlungsexzesse der Justiz”. Sie tun das mit einem nicht zu übersehenden erhobenen Zeigefinger. “Höchst zweifelhaft” agiere die Staatsanwaltschaft schreiben Hans Leyendecker und Jens Scheider in der heutigen Süddeutschen Zeitung. “Niederträchtig” gar, zitieren beide “einen der erfahrensten deutschen Strafverfolger”.
Wer so schreibt, wähnt sich auf hohem Roß, von wo sich gut urteilen lässt.
Kritik wird viel geübt, ob an Wulff, dessen Reaktion auf die Vorwürfe “unverständlich” genannt werden, an der Staatsanwaltschaft, oder dem LKA, welche die Staatsanwaltschaft “zu einer Art Justiziariat der Polizei” degradiert und sich zur Herrschaft über das Verfahren aufgeschwungen habe.
Die eigene Rolle wird dagegen völlig verschwiegen. “Die Einleitung des Verfahrens vor gut einem Jahr wegen des Verdachts der Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung ist auch im Nachhinein nachvollziehbar.” So lapidar wie kaltschnäuzig versuchen hier Journalisten ihre eigene Verantwortung am Zustandekommen dieses Dramas zu vertuschen, welches sie freilich durch detaillierte Ausbreitung der persönlichen und finanziellen Privatsphäre des Ehepaares Wulff munter weiter ausweiden.
Kein Wort darüber, dass viele der Vorwürfe, die sich – auch das wird dokumentiert – auf insgesamt 21 Aspekte erstreckten und bis auf eine einzige noch streitige Hotelkostenübernahme am Rande des Oktoberfestes 2008 allesamt erledigt haben, überhaupt erst durch journalistischen Eifer zum Thema geworden und so aufgebauscht worden sind, dass keine Staatsanwaltschaft untätig bleiben konnte. Erst recht nicht jene aus Hannover.
Gewiss, Christian Wulff hat selbst Fehler gemacht, die diese Entwicklung begünstigt haben. Vor allem hat er den Fehler gemacht, sich zu lange einzubilden, dass es einen Respekt vor dem höchsten Staatsamt gibt. Eine Achtung vor dem Amt und seinem Inhaber, die für soviel Zurückhaltung sorgen würde, die es ihm ermöglichen sollte, einen Schein von Privatsphäre zu wahren. Denn Christian Wulff hatte einen Stolz, der es ihm nicht erlaubte, eben jene entlastenden Einzelheiten preiszugeben, von denen Leyendecker heute in erschreckender Selbstgerechtigkeit schreibt, es sei “rätselhaft, warum Wulff das im Herbst 2011 nicht so dargestellt hat.” Ist er so naiv, wie er tut?
Nein, Hans Leyendecker ist genau so wenig naiv wie viele andere Journalisten, die sich ähnlich rücksichtslos am waidwunden Christian Wulff gelabt haben. Hans Leyendecker ist ein Journalist mit Stolz, und zwar einem Stolz, der ebenso überkommen ist wie die Gesellschaftsordnung und Moralvorstellungen der Zeit von Jane Austen.
Stolz ist eine zwiespältige Eigenschaft. Zu wenig Stolz im Sinne von Selbstbewusstsein ist schlecht. Falscher Stolz ist wenig besser. Er äusset sich etwa, wenn jemand aus Angst vor wahrgenommener Schwäche nicht tut, was eigentlich richtig wäre (etwa tatsächliche Umstände einer finanziellen Zwangslage offen legen). Doch am problematischsten ist zuviel Stolz, wie ihn viele, insbesondere selbsterklärte “investigative Journalisten” an den Tag legen. Er ist gleichbedeutend mit Überheblichkeit und gekennzeichnet von einer Übertragung eines abstrakten Ideals auf die ganz konkrete persönliche Situation.
Das Ideal in diesem Fall ist leicht zu erkennen: Pressefreiheit als grundgesetzlich verbriefte Ergänzung der rechtsstaatlichen Gewaltenteilung. Und dieses demokratische Prinzip ist gut und richtig. Medien sollen Kontrolle ausüben. Sie sollen vor allem ungehindert fragen, hinterfragen und kommentieren dürfen. Von einer Rolle als Richter, gar von einer Stellung über dem Gesetz, ist nirgendwo die Rede.
Im Gegenteil: es mehren sich die Anzeichen, dass die Rolle der Medien in unserer Gesellschaft grundsätzlich überdacht werden sollte. Was SZ-Leitartikler Heribert Prantl hinsichtlich der Rollenverteilung zwischen Staatsanwaltschaft und Polizei konstatiert, gilt inzwischen nicht weniger für die Rolle zwischen Justiz und Medien. Letztere verfügt neben einem von der Justiz unbestreitbar garantierten Rahmen über die klare “Dominanz der Mittel“. Sie kann “Themen setzen” und macht von dieser Möglichkeit regen Gebrauch.
Vor diesem Hintergrund war es nicht nur selbstgerecht, es war auch unehrlich, den Anruf des damaligen Bundespräsidenten auf der Mailbox des Chefredakteurs der BILD und auch bei der Verlagsleitung als “Angriff auf die Pressefreiheit” zu werten. Viel eher war es Wulffs verzweifelter Versuch, sich wie David mit einem kommunikativ ungleich stärkeren Goliath anzulegen.
Doch Wulff konnte diesen Kampf nicht gewinnen, weil er seinen Stolz nicht ablegen konnte. Christian Wulff war stolz auf seine politische Leistung, die ihn bis an die Spitze seines Landes geführt hatte. Christian Wulff war und ist ein Mann mit hoher persönlicher Integrität, die jedoch von eben diesem Stolz zu oft in den Hintergrund gedrängt wurde. Ein Stolz, der ihm das Bild eines Staatsmannes vorgab, der vor allem nicht zugeben durfte, dass er Schwächen hat. Inwieweit diese Sicht mit der Biografie und dem Aufwachsen ohne einen Vater zusammenhängt, spielt hier nur eine Nebenrolle. Es war jedenfalls ein falscher Stolz, mit dem Christian Wulff sich selbst geschadet hat.
Gegen den Stolz und das Vorurteil der Ton angebenden Medien aus Berlin, Hamburg und München hätte ihn wohl nur eines schützen können: Vertrauen in die ganz eigene Stärke, die erwächst, wenn man sich gibt, wie man wirklich ist: fehlbar, verwundbar und als solches ein anständiger Mensch!

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