TV-Tipp der führenden Pharmaunternehmen

Unbescholten melde ich mich zu einer politischen Veranstaltung an, von denen es in Berlin wahrhaft nicht wenige gibt. Ich konnte nicht ahnen, dass diese hier etwas ganz besonderes werden wird. Spannung, Action und Kameras, alles dabei. Dazu kommen wir aber später:

Thema der Veranstaltung soll die Zukunft Deutschlands im Jahr 2050 sein, mit all den bevorstehenden demographischen und gesundheitlichen Problemen. Die Gedankenreise in die Zukunft bietet der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) an, wodurch sich bestimmte Erwartungen hinsichtlich der Stoßrichtung des abendlichen Beisammenseins nicht vermeiden lassen. Dennoch möchte ich mich als Besucher im Vorhinein natürlich informieren, um nicht in unerwartete Situationen zu geraten. Umso mehr steigert sich jedoch die Verwunderung, als die erwarteten Informationen zu Referenten oder neuen Durchbrüchen der Forschung nicht auffindbar sind. Merkwürdiger noch, es kann nicht die geringste Information online eingesehen werden. Eine Scheinveranstaltung?

Vom Reiz des Unbekannten getrieben, vermehren sich die anfänglichen Fragezeichen über meinem Kopf noch, als ich mehrere TV-Kameras im Veranstaltungsraum erblicke, die ein Sitz-Rondell fest im Visier haben. Nun gut, mag sich ein erfahrener Event-Gänger nun denken. Eine Podiumsdiskussion über pharmazeutische Themen, die aufgezeichnet wird. Vielleicht für die Internetpräsenz oder Werbemaßnahmen. Die Zuschauer setzen sich und eine Frau aus der Kommunikationsabteilung des Pharmaverbandes präsentiert den Ablauf des Abends:

„Nach der Podiumsdiskussion, die am Sonntag bei Phoenix ausgestrahlt wird, erwartet Sie ein kleiner Imbiss. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Handys am Ende des Abends wieder anzustellen.“

Das Geheimnis um die Kameras ist gelöst. Die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt Phoenix überträgt also eine Podiumsdiskussion, die von einer der stärksten Interessenvertretungen des Landes präsentiert und organisiert wird. Ohne jeden Einwand begrüßt die attraktive Phoenix-Moderatorin ihre Gäste: Eine MdB der Union, einen Vertreter eines führenden Energieunternehmens, einen Zukunftsforscher und, last but not least, den frischgebackenen Vorsitzenden des Verbands forschender Pharmaunternehmen, natürlich! Die Runde beginnt und die Diskutanten schwadronieren munter über unsere Zukunft: „Was macht der demographische Wandel? Was kann die Politik tun? Und wie toll ist es, dass die forschenden Pharmaunternehmen uns lange fit und gesund halten können!“ Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei und alle sind zufrieden. Der vfa konnte den neuen Vorsitzenden vorstellen und seine wichtige Stellung in der Gesellschaft betonen. Eine junge Moderatorin hatte eine einfache Diskussion zu leiten, da so gut wie keine Dispute aufkamen. Eine Politikerin und ein Firmenvertreter konnten positive Publicity einstreichen. Und ein Zukunftsforscher konnte durch versierte und sicherlich sinnvolle Beiträge den Anschein einer kritischen Diskussion wahren.

Die einzigen Verlierer des Abends waren der Sender Phoenix und natürlich die arme Zuschauerschaft, die mit einer Scheindiskussion im Gepäck den Heimweg antreten musste. In Anbetracht des vorherigen Beitrags zum Qualitätsjournalismus, ergibt sich hier ein Trauerspiel. Wie kann ein Interessenverband derart Plump einen öffentlich-rechtlichen TV-Sender unterwandern, um seine Inhalte zu publizieren. Zugegebenermaßen wurde die Sendung noch nicht ausgestrahlt und ein abschließendes Urteil fällt schwer. Dennoch bot die Moderatorin in ihrer Begrüßung einen ersten Hinweis auf den Hintergrund der Zusammenarbeit: „Ich begrüße den Vorsitzenden der führenden Pharmaunternehmen.“

1 Kommentar

  1. Die “Forschung” im Namen des Verbandes bezeichnet denn auch weniger einen gemeinnützigen Ansatz der Wissensverbreiterung. Das wäre ja noch etwas: die Unternehmen “forschen” und stellen die Ergebnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung. Leider ist dem nicht so. Sie “forschen” einzig im eigenen Interesse, um die Produkte patentierbar zu machen. Und damit bei der Preisgestaltung der Kontrolle der Kostenträger zu entgehen. Und schaut tatsächlich einmal jemand wie der Chef des “Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im
    Gesundheitswesen” (IQuWiG) darauf, was denn der besondere Nutzen der “erforschten” Innovation ist, findet er sich schnell als “Ex-Chef” wieder.
    Für diesen Bärendienst an der Allgemeinheit darf der vfa doch gerne von Phoenix auf Kosten des Gebührenzahlers promoted werden. Oder nicht?

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