verdi – Gewerkschaft ohne Verantwortungsbewusstsein

Das Problem der Löhne im Einzelhandel ist ein Problem auch der Gewerkschaftsstrategie: anstatt eigene Mitglieder und Verbraucher an die Verantwortung zu erinnern, wird "Lohndumping" beklagt.

Das Problem der Löhne im Einzelhandel ist ein Problem auch der Gewerkschaftsstrategie: anstatt eigene Mitglieder und Verbraucher an die Verantwortung zu erinnern, wird “Lohndumping” beklagt.

Es ist Wahlkampfzeit in Deutschland. Nicht nur Politiker kämpfen in diesen Monaten vor der Bundestagswahl mit harten Bandagen gegeneinander. Auch Interessengruppen versuchen, die Öffentliche Meinung zu beeinflussen und so Druck auf die Politik auszuüben. Ein Dauer-Thema, auch in diesem Jahr: soziale Gerechtigkeit und Mindestlöhne. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat es geschafft, selbst die Bundeskanzlerin einer Christlich-Liberalen Koalition zur Warnung in Richtung der Arbeitgeber zu veranlassen: Die Umgehung von tariflichen Bestimmungen über den Weg des Mißbrauchs rechtlicher Konstruktionen (Werkvertragslösungen) werde nicht geduldet. Arbeitsministerin von der Leyen nahm sich einen ganzen Tag, um dieses Problem während einer Anhörung von Experten im Ministerium zu beleuchten. Insbesondere der Einzelhandel steht hierbei im Fokus der Kritik, auch wenn sich verdi-Repräsentant Rüdiger Wolff nach seiner Brandrede gegen “Lohndumping durch Werkvertrag” noch während der Anhörung am 11. März 2013 den Vorwurf der “Unanständigkeit” anhören musste: verdi hatte Gespräche mit der Branchenvertretung der Instore-Logistiker rundheraus abgelehnt. Dennoch fährt verdi weiter seinen Kurs und klagt an. Stets sind andere verantwortlich für die Misere. Jetzt die Bundesanstalt für Arbeit.

Die Tragik an der Geschichte ist offenkundig: verdi geht es nicht um die Beschäftigten, erst recht nicht um jene, die Arbeit suchen. verdi und anderen Kräften auf der politischen Linken geht es um Polarisierung und Mobilisierung vor der Bundestagswahl. Es ist der einfache Weg: Die Bösen sind die anderen. Nun unterstützt sogar die Bundesanstalt für Arbeit das “Lohndumping”. Was tatsächlich Lohndumping ist (jede Regelung unterhalb eines verdi-Tarifvertrages?) und woher das Problem rührt (eventuell auch aus einer Fehleinschätzung der Gewerkschaft?) wird nicht diskutiert. Klar ist: die Arbeitgeber sollen höhere Löhne zahlen, sonst wird Krach geschlagen.
Statt ernsthaft um eine Lösung des Problems bemüht zu sein, vertieft die Gewerkschaft die Gräben.
Dabei wäre es längst an der Zeit für eine kritische Betrachtung: in keinem anderen Land der EU ist der Markt für Lebensmittel so kaputt wie in Deutschland. Nirgendwo geben Verbraucher weniger von ihrem Geld für Nahrung aus. Und die Ursache ist eindeutig: ein Preiskampf der Discounter.
Aldi, Lidl und Co sind verantwortlich dafür?
Richtig ist, dass sich das Einkaufsverhalten in Deutschland durch den Siegeszug der Discounter dramatisch verändert hat. Eine Studie im Auftrag von Nestlé hat herausgefunden, dass jeder Deutsche heute einen Discounter innerhalb von fünf bis sieben Minuten erreichen kann – und vier von fünf Verbraucher ihren täglichen Bedarf dort auch decken. Diese “Aldisierung” hat vor rund 30 Jahren begonnen. Damals wurde es auch in der oberen Mittelklasse chic, den Rotwein bei Aldi zu kaufen (“Chateau d’Aldi”). Schnäppchenjagd mutierte zur “Geiz-ist-Geil-Mentalität“. Der Druck, den dieses Verbaucherverhalten auf die Branche ausübte, hat seine Spuren hinterlassen: REWE und Edeka mussten (unter anderm mit billigen Hausmarken) auf den Preisdruck reagieren und sind dennoch heute abgeschlagen nur zweite im Wettkampf um Verbraucher. Da jedoch die Sortimentsvielfalt und damit auch der Aufwand bei der Bereitstellung und Abrechnung des Angebotes bei diesen Gesellschaften am höchsten ist, war die Zusammenarbeit mit Spezialdienstleistern etwa für die Warenverräumung eine notwendige Maßnahme, um überhaupt im Geschäft bleiben zu können.
Die Gewerkschaft und insbesondere die Betriebsräte in den Unternehmen wissen das. Es gehört zu den Unaufrichtigkeiten, auf die verdi in der aktuellen Zuspitzung meint nicht verzichten zu können, dass die Legende erzeugt wurde, wonach die “Werkverträge” ein neues Phänomen seien, geboren aus der Gier der Unternehmen, um sich den Auswirkungen der Mindestlohnvereinbarung bei Leiharbeitern zu entziehen. Wie unehrlich das ist, wird deutlich, wenn man sich die Presserklärung von verdi genau ansieht. Dort heisst es, dass die Allgemeinverbindlichkeit des Handelstrarifvertrages seit fast fünfzehn Jahren nicht mehr gegeben ist. Bereits damals konnten die Unternehmen sich nur noch so helfen, indem sie zwar Tarifverträge mit der Gewerkschaft als Branche aushandelten, sie jedoch als Unternehmen nicht mehr umsetzten. Spätestens damals hätte man bei verdi aufwachen sollen, um darüber nachzudenken, was wirklich notwendig ist: eine Aufklärung der Verbraucher (und somit auch der eigenen Mitglieder) über Mitverantwortung für gute Löhne. Die müssen vom Arbeitgeber bezahlt werden können. Dafür braucht er Umsatz. Den bringen Kunden. Das sind Verbraucher. Und Gewerkschaftsmitglieder!

Tags: , , , , , , , ,

Ein Kommentar hinterlassen


Premium Wordpress Plugin