Von Obama lernen!

“Die Union sackt in der Wählergunst ab!” “Ministerpräsident kritisiert Merkel: Stammwähler besser berücksichtigen!” Wer die Schlagzeilen liest, dem muss es Angst und Bange werden um das Schicksal der Bundeskanzlerin. Sinkende Umfragewerte und innerparteiliche Kritik. Auch die Medien nehmen ungeniert “Schwächen” der Kanzlerin aufs Korn. Sie mache “fast nur Politik gegen das eigene CDU-Klientel” schreibt Stefan-A. Casdorff im Tagesspiegel. Ist also alles verloren? Wie steht es um die Kanzlerin?
Man mag zu ihr stehen wie man will: Angela Merkel ist ein politisches Talent mit aussergewöhnlichem Instinkt. Und sie hat gute Gründe, sich so und nicht anders zu verhalten. Die Ausrichtung auf die “Stammwähler” der Union wäre eine große Gefahr. Warum? Weil es nur noch wenige Wähler gibt, die auf jeden Fall ihr Kreuz bei der Union setzen, egal was da kommen mag. Im Kern sind es konservative Katholische Kirchgänger, die selbst nur noch rund 10 Prozent aller Katholiken ausmachen! Alle anderen Wähler stehen der Union mehr oder weniger nahe, können sich jedoch auch vorstellen, eine andere Partei zu wählen. Viele haben das schon getan! Die Interessen dieses “bürgerlichen” Lagers sind ausgesprochen unterschiedlich. Merkel weiß das und sie weiß, dass sie das Kunststück vollbringen muss, auf diese heterogene Gruppe glaub- und vertrauenswürdig zu wirken, um am 27. September den Mietvertrag im Kanzleramt verlängern zu können! Die bevorzugte Rücksichtnahme auf Partikularinteressen ist da schädlich, egal ob es sich um papstreue Katholiken handelt, die ihren Umgang mit Benedikt XVI in der Williamson-Frage ablehnen, oder um den Wirtschafsflügel der Union.
Gerade “die Wirtschaft” ist in doppelter Hinsicht aus Merkels Sicht problematisch: wie keine Vorsitzende vor ihr hat sich Merkel im Wahlkampf 2005 ein wirtschaftsliberales Reformprogramm zu eigen gemacht – und das dafür von den eigenen (Spitzen-)Leuten im Regen stehen gelassen worden, die mit ihren Absetzbewegungen von Paul Kirchhof der Polemik der SPD gegen “den Professor aus Heidelberg” erst den Boden bereitet haben!
Zudem haben weder Friedrich Merz noch Kurt J. Lauk oder Josef Schlarmann, erst recht nicht der “jüngste Kronzeuge” Werner Münch (wer sich nicht mehr erinnert: Münch war Ministerpräident in Sachsen-Anhalt und wurde nach seinem “Ausscheiden” von der CDU als EU-Repräsentant der (Staats-)Bahn versorgt. Er hat nun sein Gewissen entdeckt und der “sozialdemokratischen Union” den Rücken gekehrt) ihre wirtschaftspolitischen Weisheiten in nennenswerter oder mahnender Weise vor dem Platzen der Blase geäußert! Die einzigen Politiker von Rang waren Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker und – ja, wenn auch aus egoistischen Motiven – Oskar Lafontaine! Was also ist von ihrem Rat in dieser Situation zu halten??
Nein, die Kanzlerin weiß nur zu genau, dass es ihre persönliche Glaubwürdigkeit – ihr Kanzlerbonus – sein wird, von dem am 27. September viel abhängen wird. Kein Demoskop weit und breit, der das ernsthaft bestreiten würde!
Hat sie also die Wahl schon gewonnen, wenn sie nur alles wie bisher weitermacht? Mitnichten! Denn es gibt viele, denen ein solches Ergebnis nicht in den Sende- und Auflagenplan passt: die kommerziellen Medien profitieren von einem Wahlkampf wie sonst nur von der Fussball-WM und der Olympiade. Einschaltquoten und Werbeeinnahmen sind um so höher, je knapper das Rennen sein wird! Wer  hätte aus Verlags- oder Chefredakteurssicht also ein Interesse an einem klaren Rennen? Niemand! Und dabei spielen parteipolitische Präferenzen des journalistischen Spitzenpersonals (Brender) kaum eine Rolle!
Sex sells, Streit fast genau so! Deshalb die Berichte über “Schwächen” von Politikern, denen der “innerparteiliche Streit” selbst dann so sicher wie das Amen der Predigt folgt, wenn eigentlich kein inhaltlicher Dissens vorliegt: allein die Angst, schlechte Presse könnte sich negativ auf die Umfragen auswirken (und damit auf die jeweils eigene Perspektive der Berufspolitiker), locken viele “Kritiker” vor die Mikrofone und Notizblöcke. Was wiederum die Berechtigung der eigentlichen “Meldung” nachträgliche Absolution erteilt. Ein “genialer” Mechanismus!
Was ist also aus Sicht der Kanzlerin zu tun? Ein Blick über den Teich zeigt, wie vermeintliche Aussenseiter strukturelle Nachteile ausgeglichen haben: Von Obama lernen, heißt siegen lernen! Die Kanzlerin muss ein Interesse haben, die Meinungsbildung der Wähler nicht allein den Medien zu überlassen. Dabei spielt eine enge Koordination der Medienpolitik eine zentrale Rolle, was für die Kanzlerin auch in der Vergangenheit ihre Berater um Willi Hausmann und Eva Christiansen gut im Blick hatten.
Eine nicht weniger wichtige Rolle spielt aber das Internet, dessen Rolle als  “Informationsquelle” in breiten Bevölkerungsschichten weiter zunimmt. Wenn, dann ist das Web 2.0 die Achillesferse der Union. Zwar ist sie mit Youtube-Channel, Kanzlerinnen-Podcast und Twitter formal überall vertreten. Doch lässt die Art und Weise der Anwendung noch zu wünschen übrig. Was das Web 2.0 zu leisten vermag und was nicht, scheint im Kanzleramt und im Konrad-Adenauer-Haus noch unklar zu sein. Muss es nicht: Von Obama lernen!

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Bitte Tippfehlrr zu entschuldihen :-)

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1 Kommentar

  1. Angela Merkel muss “die Uniform der Kanzlerin” in den Schrank hängen und “die Uniform der Kanzlerkandidatin und Parteivorsitzenden” anziehen, soll MP Oettinger gesagt haben. Dieses “Bild” selbst würde ja schon zu mancher herrlichen Glosse einladen … :-)

    Man erfährt nicht so richtig, welche “Uniform” es denn sein soll … Die eines “Haudegens” wie Koch? Die eines “Arbeiterführers” wie Rüttgers? Oder eher ein “Tarnmantel” wie der mancher, die lieber im “Off” Berliner Hintergrundrunden als im Parteipräsidium taktische Ratschläge geben?

    Die Kanzlerin hat ihren Amtsbonus in der Großen Koalition hart genug erarbeiten müssen, es wäre eine große politische Dummheit, wenn sie sich wieder auf die CDU Parteivorsitzende reduzieren ließe … und so die Angriffsfläche böte, auf die ihre Gegner nur warten.

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