Warum sehen wir den Silberstreif nicht?

Ist der Aufschwung in Deutschland ein virtuelles Phänomen und geht über die Köpfe der Deutschen hinweg? Ergebnisse des Meinungsforschungsinstitutes Allensbach jedenfalls legen dieses nahe. Die Demoskopen haben im Auftrag der FAZ ein erheblich gesunkenes Vertrauen der Bevölkerung in den eigenen Nutzen des gegenwärtigen Aufschwungs registriert (FAZ Printausgabe v. 21.02.07, S. 5). Nur 8 Prozent aller Beschäftigten erwarten, dass sie persönlich teilhaben werden am neuen Wirtschaftswachstum.

Tatsächlich ist die aus diesem Wert sprechende “Zukunfstangst” ein ur-deutsches Phänomen und hat es als einer von ganz wenigen Begriffen sogar in den Wortschatz der Weltsprache “Englisch” geschafft. Andere Gesellschaften und Kulturen kennen eine vergleichbar hohe kollektive Labilität nicht. Selbst wenn es ihnen deutlich schlechter geht, können viele andere Nationen am dunkelsten Horizont zarte tatsächliche oder projizierte Silberstreifen erkennen und sich so mental beflügeln. Glaube an die eigenen Stärken ist die Grundvoraussetzung für jeden Heilungs- und Reformprozess, wie jeder Motivationstrainer weiß!

Allerdings hat auch kaum ein anderes Land einen so ausgeprägten Dualismus verinnerlicht wie Deutschland. Zwar gibt es auch andernorts Kritiker oder Gegengewichte zu herrschenden Meinungen und Strukturen. Nirgendwo jedoch sind diese so stark und mächtig wie hierzulande.

Ausgerechnet in Zeiten der Großen Koalition. Gerade die Schwäche der Opposition führt aber dazu, den kritischen Tönen mehr Gewicht als angemessen zu geben. Im Fall der Aufschwungsnörgelei ist es dann auch weniger die Kritik von Grünen oder Linkspartei, sondern die Miesmache aus den Regierungsfraktionen selbst, die zu einer mentalen Abwärtsspirale führt. Wenn nun also die SPD-Linke gegen die Reform der Unternehmenssteuern “wettert” (Frankfurter Rundschau, Printausgabe v. 21.02.07, S.1) hat dies eine viel größere Verunsicherung bei der Bevölkerung zur Folge, als wenn das selbe von den Herren Lafontaine oder Gysi vorgetragen wird.

Kommunikationspraktisch ist das auch völlig nachvollziehbar. Die Bevölkerung weiß: Wo zwei Fachleute zusammen kommen, gibt es drei Meinungen. Kritik aus der Opposition ist daher etwas völlig normales und hat zunächst wenig schädliche Wirkung. Gewicht erhält sie erst durch Mahner und Kritiker aus den eigenen Reihen. Und dies nicht etwa, weil die SPD-Linke als Teil einer Volkspartei glaubwürdiger wäre als die Linkspartei.

Es ist Kritik aus den Reihen der Kritisierten selbst, die Verunsicherung hervorruft wie die CDU im Bundestagswahlkampf 2005 schmerzhaft erfahren musste. Da war es die Kritik aus den eigenen Reihen, von mehreren Ministerpräsidenten, die der Polemik der SPD gegen den “Professor aus Heidelberg” erst den Weg in die anfänglich völlig unempfindlichen Ohren der deutschen Wahlbevölkerung sicherte. Auch da hatte die SPD-Linke inklusive Parteichef Müntefering anfänglich Alarm geschlagen, ohne dass es etwas an dem Kompetenzvorschuss geändert hätte, den Professor Kirchhof als Experte mit in den Wahlkampf gebracht hat.

Erst als namhafte CDU-Politiker Positionen des Steuerfachmannes und Ex-Verfassungsrichters relativierten und kassierten, wurden die Wähler bange und entschieden sich für die kuschelige Rückwärtsgewandtheit der SPD-Rhetorik. Dies bremst bis heute nicht nur die Dynamik der Bundesregierung unter Angela Merkel. Insofern kann man “den Deutschen” gar keinen Vorwurf machen kann für ihren Pessimusmus. Seine Führung zieht nicht an einem Strang. Wer soll da froh in die Zukunft schauen?!

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