Web 2.0 in der Politik

Das Überall-Internet ist nicht zu stoppen, titelt heute das Handelsblatt. Die Nachricht gilt auch umgekehrt: Das Internet ist überall und nicht zu stoppen. Nicht in der Wirtschaft, aber auch nicht in der Politik. Längst sind es nicht mehr die eindimensionalen “Schaufenster” zu Selbstdarstellung aus den Anfangstagen des WorldwideWeb, auf die es ankommt. Web 2.0 ist das Schlagwort, das heute jeder im Munde führt, der halbwegs an die eigene Modernität glaubt. Doch was ist das Web 2.0? Und wie setzt man es in der Politik ein?
Die Politischen Parteien haben nicht erst seit den Tagen des spektakulären Obama-Wahlkampfes “das Netz” als Kommunikationsplattform identifiziert. “Da sind wir bestens aufgestellt” oder “Twitter-Champion XYZ-Partei” tönt es von rechts bis links, es gibt blaue, schwarze und rote YouTube-Channel und vieles mehr. Doch was sagt das tatsächlich über die Strategien – und vor allem über das Verständnis aus, was Politik vom Internet hat? Wenig bis gar nichts!
Viele Politiker, erst recht Spitzenpolitiker mit Führungsaufgaben kümmern sich nicht aktiv um das Thema. Zwar ist fraglich, ob Barack Obama immer und jederzeit seinen Twitter-account selbst gepflegt und beobachtet hat. Doch hat er im Unterschied zu vielen deutschen Politikern ganz sicher eines gehabt: Eine klare Vorstellung dessen, was das Web 2.0 kann und was es braucht, wenn man es erfolgreich einsetzen will.
Was kann das Web 2.0? Leider denken deutsche Politiker mit wenigen Ausnahmen, dass es genüge, einen account bei Twitter, Facebook oder Xing und mySpace einzurichten. “Ich bin drin!” Dieser Spruch von Boris Becker aus den Anfangstagen des Massenphänomens Internet hat sich in verhängnisvoller Tiefe in das Unterbewusstsein der deutschen Politik gegraben. Verhängnisvoll deshalb, weil “drin sein” ein passives und selbstgerechtes Verständnis des Web offenbart, was für die 1990er Jahre angemessen war, als es darum ging, überhaupt eine Akzeptanz für das Medium zu erzeugen. Die technische Entwicklung aber ermöglicht es heute jedem deutschen Renter, seinen im Ausland studierenden Enkeln ein eigenes Video auf die Facebook-Seiten zu stellen. MITMACHEN, lautet der Anspruch deutschen Online-Gemeinde.
Weil Politiker wenig Zeit haben, wird die Beschäftigung mit den neuen Möglichkeiten immer wieder vertagt oder auf Hilfskräfte delegiert. Selbst Stabsmitarbeiter, die als Büroleiterin, Persönlicher Referent oder Pressesprecherin wichtige Beratungsfunktionen für die Spitzenpolitiker erfüllen, kennen sich nur unzureichend aus. Denn auch sie leiden unter chronischer Zeitnot und haben daher selten den Mut, selbst Zeit für die Einführung und ersten Schritte im Web 2.0 mit seinen social Networks und Microblogging-Diensten zu opfern. Denn wie jede neue Technik ist auch die Beschäftigung mit den Interaktions- und Multiplikationsfunktionen von Twitter, XING oder YouTube zunächst einmal eine Investition, die sich erst nach und nach auszahlt.
Doch wer denkt, sich diese Zeit “sparen” oder “schenken” zu können wird sich “verzocken”, um in der Sprache der Finanzen zu bleiben.
Denn es braucht vor allem Zeit, bis das Web 2.0 einen politisch messbaren “Return on Invest” liefert. Denn dieser erfolgt in Form einer breit gefächerten und tief gehenden Vernetzung auf der Basis von Glaubwürdigkeit.
Und das klare Verständnis, dass es sich dabei nicht um noch ein Fax-Gerät, eMail-Verteiler oder einen eigenen Fernseh-Kanal zur Verbreitung eigener Weisheiten handelt. Es ist kein “Informationsinstrument für Unentschlossene”. So aber verstehen viele Politiker das Internet noch immer. Die Verbreitung eigener Nachrichten und Meinungen steht bei den meisten Politikern leider noch ganz klar im Vordergrund.
Die Bereitschaft Diskussion oder gar Widerspruch zu dulden, ist kaum vorhanden. Doch es ist gerade diese Offenheit und Souveränität, die die Nutzer erwarten. Die Politik hat immer das Ideal des “Mündigen Bürgers” vertreten. Jetzt wollen sich diese Bürger nicht mehr bevormunden und belehren lassen. Deswegen kann nur Erfolg haben, wer bereit und sicher ist, diese Diskussion zu führen.
Fortsetzung folgt bestimmt!

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