Wenn die Hymne gespielt wird …

mesut Politik ist ein Dienst an der Gemeinschaft. Res Publica, die öffentliche(n) Angelegenheit(en), müssen gestaltet und geregelt werden. In der Demokratie werden hierfür Kompetenzen auf Zeit an gewählte Abgeordnete vergeben. Welche Verantwortung mit diesem Mandat verbunden ist, vergessen Politiker zuweilen und stellen ihr Ego über das Gemeinwohl. Jüngstes Beispiel ist der CSU-Politiker Norbert Geis, der eine Rede von Bundespräsident Christian Wulff als “missverständlich” kritisierte. Ob Geis bewusst ist, wie sehr er sich mit dieser Meinung disqualifiziert hat? Wulff hatte in seiner Rede zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung den Einheitsgedanken in das Zentrum des Vortrags gerückt. “Deutschland einig Vaterland” bedeute, dass man “Verschiedenheit der Herkunft, Lebensentwürfe und Religion “wollen” müsse. »Der Islam gehört zu Deutschland«, erklärte Wulff.
Dem widersprach Geis in einem Interview mit dem DLF und fand, der Islam sei “da”, aber

»gehört eben nicht in dem Sinne zu Deutschland, wie die jüdisch-christliche Kultur zu Deutschland gehört. Das ist ja unsere Kultur. (…) Deswegen kann man auch mit dieser Aussage so nicht einverstanden sein, denn wir wollen ja haben, dass unsere Kultur erhalten bleibt. Wir wollen nicht muslimische Kultur haben, sondern wir wollen unsere Tradition, wir wollen unsere jüdisch-christliche Kultur, wir wollen das christliche Abendland, dass dieses Abendland christlich weiter besteht. Das ist unser Wollen.«
Norbert Geis, CSU

Abgesehen davon, dass hier erneut ein Bundespräsident “ausgelegt” wird, wie es der politischen Opportunität eines Parteipolitikers entspricht (Christian Wulff wird allerdings deswegen nicht zurücktreten): Wer ist die erste Person singular in seiner Rede? Wen meint er, wenn er “wir” sagt? Welches “Wollen” spricht er an?
Geis begibt sich gefährlich nahe an den Rand der Demagogie, wenn er suggeriert, es gebe eine quasi monolithische Kultur, die es zu schützen gelte. Kultur ist seit der Erfindung des Papier nicht mehr in Stein gemeißelt. Kultur lebt und verändert sich, so wie sich das christliche aus aramäischen Wurzeln zunächst griechisch und danach lateinisch geprägt hat. Es hat sogar immer wieder heidnische Bräuche und Sitten übernommen, nicht zuletzt um damit für Nicht-Christen attraktiv zu sein. Überall, wo Kulturen aufeinander treffen, findet Austausch statt, werden bereichernde Elemente aufgenommen. Geis mag für sich sprechen, dass er keine islamischen Einflüsse will. Für mich spricht er damit nicht! Menschen rechnen gerne mit arabischen Ziffern, weil es leichter ist als mit römischen Zahlen zu hantieren. Viele Christen tragen einen Rosenkranz, der über Arabien in die christliche Kirche gebracht wurde. Und Kaffee (arab. qahwa) ist mittlerweile ein Volksgetränk auch in Deutschland. Wer hat’s erfunden? Die Schweizer Die Türken haben den Kaffee nach Wien gebracht, von wo aus er seinen Siegeszug durch Europa und die Welt angetreten hat.
Natürlich hat Geis recht, wenn er hervorhebt, dass sich kulturelle Gepflogenheiten und Traditionen nicht par ordre du Mufti (sic!) befehlen lassen.

»Es gibt dann ein Problem, wenn wir sagen, wir machen jetzt nur eine Wischiwaschi-Kultur, wir machen da ein bisschen und da ein bisschen und nehmen von dem noch ein bisschen und das packen wir dann zusammen und das gibt dann einen großen Kuchen, der allen schmecken soll. Das kann es nicht sein.«
Norbert Geis, CSU

Doch dies hat auch niemand zur Leitschnur ausgerufen. Erst recht nicht der Bundespräsident, der deutlich die Erwartungen an alle in Deutschland lebenden Menschen – egal welcher Herkunft – hervorgehoben hat, ohne zu verschweigen, dass es Nachholbedarf in der Integrationswilligkeit von Migranten gibt. Wohltuend realistisch allerdings hat Christian Wulff unterstrichen, worauf es zuallerst ankommt: Auf die Integrationsbereitschaft aller Deutschen.

»Zu allererst brauchen wir aber eine klare Haltung. Ein Verständnis von Deutschland, das Zugehörigkeit nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt, sondern breiter angelegt ist. Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.«
Bundespräsident Christian Wulff

»Wenn die Hymne gespielt wird, betet Özil zu Allah« heisst es passend dazu heute in einem Portrait über die beiden in Deutschland geborenen Fußball-Profis türkischer Abstammung, Mesut Özil und Nuri Sahin. Während Özil für Deutschland spielt, trägt Sahin das türkische Nationaltrikot. Beides sind völlig normale Belege gelungener Integration, doch es gibt einen Unterschied: Özil wurde heute von Bundespräsident Wulff empfangen, der die Nationalelf und Trainer Löw für Ihre Erfolge bei der WM in Südafrika auszeichnete! Dabei stellte Wulff nochmals klar: Integration ist eine Leistung, die von zwei Seiten erbracht werden muss!

»Deutschland ist ein Einwanderungsland – darin liegen große Chancen, aber die Aufgaben, die damit verbunden sind, verlangen von allen große Anstrengungen. Hier helfen weder Schönreden noch Schwarzmalen. Integration ist ein gesellschaftliches Langzeitprojekt, das aus sehr vielen, oft kleinen Schritten besteht.
Es kommt darauf an, dass alle diese Schritte aufeinander zu gehen. Das gilt für die Einwanderer wie für die, deren Familien hier schon lange leben. So wie die Einwanderer erwarten können, freundlich willkommen geheißen zu werden, so kann andererseits erwartet werden, dass die, die kommen, die Regeln und Werte dieser Gesellschaft, in der sie sich entfalten möchten, respektieren und leben.«
Bundespräsident Christian Wulff

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