Wenn Sprit besoffen machen

E10

Heute wird ein bedeutsames Ereignis begangen: Das 100. Jubiläum des Weltfrauentages. Wer ist dieses Wesen Weltfrau überhaupt? Alice Schwarzer wollte den Weltfrauentag letztes Jahr schon abschaffen! Er sei nichts anderes als der “Muttertag des Ostblocks” – hört, hört! Aber zurück zum Thema: Heute, am 8. März 2011 tagt in Berlin der Benzingipfel unter Beteiligung von Ministerien, der Mineralölwirtschaft, der Autoindustrie, der Ethanolwirtschaft und wer sonst noch so beim Spritbrauen bzw. verfahren dabei ist. Erörtert wird die Frage, was wir im Diesseits tanken sollen. “E10″ lautet die Formel, die in den letzten Tagen wahrscheinlich jedes Kind gelernt hat. Wir reden hier also weder über den Europäischen Fernwanderweg noch über den Edison`schen Lampensockel. Es geht um den Saft, den des Deutschen liebstes Kind, das Automobil, zu trinken bekommt: Gutes Super mit einem Schuss Schnaps bzw. Ethanol, daher “E10″ – 10% darf der Anteil der Beimischung betragen. “E10″ könnte aber auch genauso gut für das “Flottenziel” stehen. Also die Senkung des nationalen Flottenausstoßes an CO2 von im Schnitt 130 auf 120 Gramm/km bis 2015; “Einsparung10 Gramm” z.B. Das symbolisiert schon etwas die Vielschichtigkeit dieser Angelegenheit.Interessant ist es zu beobachten, wie eine an sich gute Idee – auf “Biosprit” umzusteigen – sich ins Gegenteil verkehrt. Alle sind genervt und die Bild titelt in der ihr eigenen Art “Nein, tanke“. Das Problem ist zu einem gehörigen Teil auch ein kommunikatives. Jahrelang wird an dem Thema rumgedoktert und nichts passiert. So hat die damalige schwarz-rote Bundesregierung mit Inkfrafttreten der 10. Bundesimissionsschutzverordnung (BImschV) zum 1. Januar 2007 die Autohersteller aufgefordert, bis zum März 2008, also vor nunmehr drei Jahren, mitzuteilen, welche Autos die Beimischung vertragen und welche nicht. In dieser Zeit wäre die Info ganz sicher auch bis zum letzten Trabbifahrer durchgedrungen. Dass dieses Ultimatum nicht wirklich durchgesetzt wurde, hat wahrscheinlich so viele Gründe wie nun das Lamentieren Väter hat. Zyniker könnten leicht eine Verschwörung der Automobilindustrie mit der Mineralölindustrie ausmachen: Die ordentliche Diskreditierung einer möglichen Alternative, was will man mehr?! Ebenfalls in diese Kärbe schlägt die Tatsache, dass in Großbritannien vor ein paar Jahren tausende von Autos stillstanden, weil sie die Beimischung nicht vertragen haben (okay, hier kam auch noch eine Verunreinigung hinzu, aber egal), das kommt einem sofort wieder in den Sinn.

Eine Grundtatsache ist aber auch die Europahörigkeit der Deutschen. Deutschland macht immer alles sofort, was Brüssel fordert – wir sind gewissermaßen europäische Musterknaben; so auch beim Thema eneuerbare Energien. Keine Panik, die Tendenz dahin wird vom Autor nicht in Frage gestellt. Natürliche Kreisläufe sind die besten! Auf jeden Fall ist die Vor-vor-gängerin der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie (2009/28/EG) Richtlinie 2001/77 /EG mit dem guten Vorsatz ersonnen worden, Europa unabhängiger vom Öl und gleichzeitig ökologischer zu machen. Wie unabhängig wir vom Öl inzwischen sind, zeigen die Benzinpreise munter an den Tafeln der Tankstellen, weil es in Libyen und sonstwo politisch heikel ist dieser Tage. Die Sache mit dem europäischen Traum vom ölfreien Kontinent begann sich schnell zu verkomplizieren, alldieweil irgendwann keiner mehr einen Überblick über die verschiedensten Anreizsysteme hatte. Plötzlich hat ein Chemie-Gigant, der polymere Kunststoffe produziert und bei dem ETBE (Ethyltertiärbutylether) als Beiprodukt anfällt, in Deutschland Lobbying für die Einführung für E10 gemacht. Das blicken dann nur noch die absoluten Insider.

Eines läßt sich aber ganz sicher sagen: Das Vertrauen in eine vernünftige Politik ist wieder einmal mehr verspielt worden. Die technischen Fragen sind ganz offensichtlich der Troubleshooter Nummer eins, was zunächst nahe liegt. Die Briten haben wie gesagt damit ihre Erfahrungen gemacht. Dahinter treten jedoch eine Menge anderer Aspekte hervor, die die Debatte jetzt so undurchsichtig und die Verbraucher so besoffen machen.

Da ist zum einen die seit Jahren geführte Diskussion Teller versus Tank. Hier kommt die ethische Dimension zum Tragen. Das ist ohne Frage eine wichtige Debatte, denn mit Weizen heizen ist mehr als fragwürdig. Nur mal ehrlich: Wenn ein deutscher Landwirt Mais (eine C4-Pflanze wie Zuckerrohr oder China-Schilf) für die Biogasanlage statt Weizen für den Weltmarkt anbaut, dann verhungert dadruch niemand. Außerdem verdient er im Zweifel mehr daran als beim Weizen und nicht zuletzt hat Biomethan als ein Vorprodukt des Biogases (aus Mais…) eine hervorragende Engeriebilanz – die beste von allen Bio-Energieträgern! Wenn allerdings die Zuckerrübe zu Biotehanol verarbeitet wird oder der Raps, dann sieht die Sache in der Tat deutlich anders aus. Die Zuckerrübe hat durch ihre Erzeugung schon eine negative Energiebilanz – Ackerbestellung, Saat, Düngung, Pflanzenschutz, Bewässerung, Ernte u.s.w. Wenn dann noch die benötigte Energie hinzukommt, die erforderlich ist, um aus der Rübe Kraftstoff zu machen, ist das verherend.  Etwas anders sähe es aus, die Feldfrüchte nicht direkt über das Ethanol zu verfahren, sondern aus dem gewonnenen Brennstoff elektrische Energie zu erzeugen, um damit beispielsweise Elektromobilität zu ermöglichen. Das ist aber auch nur die zweitschlechteste Lösung.

Einen Spezialbereich der Ethik-Debatte stellt die Nachhaltigkeitsdebatte dar. Die spielt bei den nachwachsenden Rohstoffen eine große Rolle (anders als bei Wind, Sonne und Wasserkraft) und ist in Deutschland durch die Biomassenstrom-Nachhaltigkeitsverordnung und Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung umgesetzt worden. Es steht außer Frage, dass Regenwald nicht zugunsten von Palmen-Plantagen abgeholzt wird, nur damit in Deutschland oder anderswo Autos mit “Biosprit” aus Palmöl fahren können. Auf den Aspekt mit dem Weizen im Ofen bin ich schon eingegangen. Das gleiche gilt aus meiner Sicht für die Versprittung von Zuckerrüben. Selbst das Zuckerrohr entspricht nicht unseren Maßstäben von Nachhaltigkeit, wenn brasilianische Arbeiter tagein, tagaus für einen Hungerlohn bei der Ernte schuften – auch wenn die Pflanze an sich viel hergibt. Hier berührt die Debatte soziale Mindeststandards. Dem Auto sind diese in der Regel egal, dem Fahrer sollten sie aber nicht gleichgültig sein.

Es zeigt sich, dass die Lage komplexer ist, als sie auf den ersten Blick scheint. Und so bleibt es offenbar beim Schwarze-Peter-Spiel des heutigen “Benzingipfels”. Eines lehrt uns aber auch diese Diskussion einmal mehr: Es ist gut, dass manche Skandale Anlass geben, über Richtungswechsel nachzudenken. Das benennt Thomas Straubhaar (HWWI) sehr klar in seinem Artikel für SPIEGEL-online. Statt Greenwashing sollten wir uns mit Themen auseinander setzten, die wirklich Land und Leute voranbringen sowie das Klima möglichst wenig beeinträchtigen. Viele Subventionen werden viel zu lange auf einen Haufen geschüttet, ohne dass sich jemand die Mühe macht, sie kritisch zu hinterfragen und ggf. gegenzusteuern. So gesehen werden wir hoffentlich bald wieder nüchtern, denn Alkohol gehört weder in den Tank noch ans Steuer.

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