Wie man sich als Politiker nicht im Web bewegen sollte: Ramelow polemisiert gegen Thüringer Blogzentrale und andere auf Twitter

Im Web 2.0 oder in “Social Media”, wie die interaktiven Plattformen auch genannt werden, erzielt derjenige die größte Resonanz, der in den direkten und offenen Dialog mit Menschen eintritt und dabei auch seine Persönlichkeit zeigt. So authentisch wie sich Bodo Ramelow in den letzten Tagen im Netz gab, will man´s als Leser aber eigentlich auch nicht lesen. Immerhin war oder ist er immer noch Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in Thüringen. Und als solcher kappelt er sich schon über mehrere Wochen mit politischen Gegnern im Netz, darunter auch einem anonymen Twitterer mit dem “programmatischen” Namen @rotesgift. Abgesehen davon, dass es nicht sehr klug ist, überhaupt auf Beteiligte ohne offene Identität zu reagieren, hat sich Ramelow durch diesen und andere Twitterer derartig reizen und gehen lassen, dass man ernsthaft fragen muss, ob er seine Aggressionen sonst auch so wenig im Griff hat.

Ohne große Worte verlinkte deshalb auch die Thüringer @Blogzentrale vorgestern Abend nach den mehrfachen verbalen Ausrutschern Ramelows von Twitter zu Youtube zu einer Sequenz aus dem berühmten Interview, das der Journalist David Frost mit dem ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon (”Watergate”) geführt hatte, in dem dessen Rechts- und Amtsverständnis durch gezielte Fragen entlarvt wurde. Der unwürdig aus dem Weißen Haus abgetretene Staatsmann verlor durch seine ungeheuerlichen Aussagen in diesem Gespräch endgültig jede Glaubwürdigkeit: http://bit.ly/uG9jm

Nun wäre das sicher ein zu großes Geschütz gegen Ramelow, der noch kein Amt missbraucht hat. Dennoch muss man sich fragen, was Ramelow geritten hat, die @Blogzentrale vorgestern – vor dem Frost-Nixon-Interview-Verweis – auf eine Stufe mit “Blockwarten” zu stellen (”Von Blogzentrale zum Blockwart!”). Sie hatte sich nur erlaubt, ihn nach der Zahl der ehemaligen Stasi-Mitarbeiter in Diensten der Linken in Thüringen zu fragen. Was ist das für eine Geisteshaltung: Wer mir kritische Fragen stellt, kann mal in einem schnell dahingeschriebenen Twitter-Beitrag als **** denunziert werden. Die @Blogzentrale konnte auch nach objektiven Maßstäben bisher als politisch links eingeordnet werden, allerdings eher den Grünen als der Linken nahestehend. Aus dem Vorabend hatte Ramelow offensichtlich auch gestern Abend nicht die richtigen Schlüsse gezogen, nämlich persönliche Zurückhaltung zu üben. Jetzt wurden die Macher der Blogzentrale durch seine Frage bedrängt, ihre Parteizugehörigkeit offen zu legen. Wenn man sich als Politiker selbst dem Web und dieser neuen Form des Bürgerjournalismus “aussetzt”, kann man nicht mit solchen platten Gegenfragen und -angriffen ausweichen. Auch nicht, wenn das Niveau von @rotesgift, dem anonymen “Mitspieler” auf der Gegenseite, keine bessere Bewertung verdient als Ramelows Tweets.

Mehrere Twitter-Beiträge Bodo Ramelows vermitteln außerdem noch ein Geschichtsbild über die DDR, das hinter frühere selbstkritische Erklärungen von Gregor Gysi und Lothar Bisky aus den 90er Jahren zurückfällt: neben der flotten Relativierung der Stasivergangenheit seiner Mitarbeiter und Abgeordneten stoßen mehrfache Verweise darauf auf, dass im Herbst 1989 “nicht geschossen” worden sei – und dabei mit dem Hinweis auf einen Befehl von Egon Krenz. Das klingt – mit Verlaub – danach, dass die DDR-Bürger, die sich ihre Freiheit in der Friedlichen Revolution durch Mut selbst erstritten haben, Ramelows Partei heute noch besondere Dankbarkeit dafür schulden würden, damals nicht erschossen worden zu sein. An dieser Stelle ein historischer Hinweis: es gibt inzwischen Dokumente, die nahelegen, dass die einfachen Dienstgrade in den bewaffneten Organen nicht auf Menschen mit Kerzen in der Hand geschossen hätten – egal was Egon Krenz für einen Befehl von oben gegeben hätte. Das ist im Übrigen eine viel ermutigendere geschichtliche Erkenntnis über die Beteiligten, als den Genossen Krenz nachträglich dafür zu loben, dass er angeblich gegen Schusswaffengebrauch eingetreten ist.

Damit könnte man auch schon zu einer “gerechteren” Geschichtsbetrachtung der DDR und der SED kommen, die unter Gysi und Bisky weiter fortgeschritten war als unter den Westdeutschen Lafontaine – und offensichtlich auch Ramelow. Denn die Debatte um ehemalige Stasi-Mitarbeiter in der Linken an einer früheren Dolmetscherin im Range eines Hauptmanns festzumachen, die heute als Sekretärin arbeitet, wird diesem Thema nicht einmal im Ansatz gerecht. Erstens kann man nicht behaupten, dass es eine große Nachwende-Karriere für eine ehemalige Offizierin war, heute für einen Abgeordneten Briefe zu schreiben und Termine zu koordinieren. Im Gegenteil: sie wäre eher ein Beispiel dafür, dass den Forderungen “Stasi in die Produktion” entsprochen worden ist. Wenn man von dieser untergeordneten Tätigkeit ausgeht, ich zweifele an diesen Aussagen nicht, müsste dann allerdings Zweitens gelten: es ist nicht gerechtfertigt, eine Sekretärin 20 Jahre nach der Wende durch die Boulevardblätter zu ziehen und zu schlagen, um ihren Chef Bodo Ramelow zu treffen.

Nur hat man diese möglichen Argumente in den letzten Tagen kaum vernommen, wenn es sie denn gab. Stattdessen wurde lieber so wild um sich geschlagen oder – um ein besseres Bild zu gebrauchen – ins Feuer geblasen, das man nicht mehr nach der Quelle des Rauchs fragen muss. 

Dieser Beitrag wurde zuerst in www.politopolis.de veröffentlicht, die Thüringer Politik-Plattform, die hier die Höhepunkte der Twitter-Auseinandersetzungen gesammelt hat:

http://www.politopolis.de/23294/twitterkommunikation-zum-beitrag-der-jungen-union-gericht-stoppt-ramelow-klage-der-linkspartei-abgewiesen/

http://www.politopolis.de/25620/teil-2-chronologie-einer-twitterkommunikation-zwischen-michael-panse-rotes-gift-und-bodo-ramelow/

http://www.politopolis.de/26565/teil-3-chronologie-einer-twitterkommunikation-stasidiskussion-im-web-20-mit-bodo-ramelow/

Die Twitteraccounts der wichtigsten Beteiligten: @bodoramelow, @Blogzentrale, @rotesgift, @MichaelPanse, …

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2 comments

  1. Du hast da ein paar Zeichensetzungsfehler (es fehlen die Anführungszeichen um “DDR”) :-)

  2. Sonstige Tippfehler aus der Nachtsitzung habe ich schon ausgebessert :-)

    Hhhm, wobei ich als Wossi auch nicht mehr in die alten “Schützengräben” zurück will.

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